Am Montag wird ein Exklusiv-Interview mit Ryan Giggs auf FIFA.com veröffentlicht. Der Waliser, einer der besten Flügelspieler der Welt, trug über 50 Mal das Trikot seiner Nationalmannschaft und blieb seinem Klub Manchester United stets treu.

Ganz anders als bei Giggs kann man wohl feststellen, dass die meisten Leser von FIFA.com niemals das Vergnügen hatten, Tom Finney für Preston North End oder für die englische Nationalmannschaft spielen zu sehen [Finney bestritt sein letztes Spiel im Jahr 1963], doch ein Vergleich mit Giggs ist durchaus zulässig. Finney spielte während seiner gesamten Karriere nur bei einem Klub, war englischer Nationalspieler und gilt als einer der talentiertesten Spieler seiner Generation.

In einer Zeit, in der die Wörter "Legende" und "Superstar" geradezu inflationär verwendet werden, war Finney wohl beides, wenn nicht sogar noch mehr. Der legendäre Liverpooler Trainer Bill Shankly, ein ehemaliger Mannschaftskamerad des Phantom Winger, sagte einmal: "Tom Finney wäre für jede Mannschaft eine Bereicherung gewesen, in jedem Spiel und in jedem Alter - sogar, wenn er einen Mantel getragen hätte! Er versetzte die Gegner so sehr in Angst und Schrecken, dass man ihn sogar beim Aufwärmen in Manndeckung nahm!"

Auch wenn diese Schilderung Shanklys sicher ein wenig übertrieben ist, ändert sie doch nichts an der Tatsache, dass Finney eine wahre Größe war. Er wurde zwei Mal zum englischen Fussballer des Jahres gewählt, erzielte 30 Tore in 76 Länderspielen und konnte sein Können - im Gegensatz zu Giggs - auch auf der größten Bühne des Weltfussballs, bei drei FIFA WM-Endrunden in Folge, aufblitzen lassen. Keine schlechte Bilanz für einen Spieler, dessen Trainer unmittelbar vor seinem Debüt zu ihm sagte: "Keine Angst, mein Junge, wir erwarten nicht allzu viel von dir."

Der herausragende Spieler eines goldenen Zeitalters
Der mittlerweile 86-jährige Finney erfreut sich noch immer bester Gesundheit. Die Erinnerungen an sein Debüt im Verein und in der Nationalmannschaft sind nach wie vor nicht verblasst, ebenso wenig wie die Spiele der Weltmeisterschaften 1950 in Brasilien, 1954 in der Schweiz und 1958 in Schweden. Bei diesen Turnieren blieb England zwar hinter den Erwartungen zurück, doch Finney würde nichts ändern wollen, selbst wenn er könnte.

"Ich hatte das große Glück, bei drei Weltmeisterschaften spielen zu dürfen", sagte er im Gespräch mit FIFA.com. "Wenn man bedenkt, dass viele große Spieler nie an einer WM teilgenommen haben, wie zum Beispiel George Best, dann kann ich mich glücklich schätzen, dass mir diese Ehre gleich drei Mal zuteil wurde. Es war immer großartig, in die Nationalmannschaft berufen zu werden. Ich denke, das ist die größte Ehre für einen Spieler. Wenn man noch dazu bei einem großen Turnier für sein Land spielen kann, dann ist das wirklich etwas ganz Besonderes."

"In den Jahren 1950, 1954 und 1958 hatte England zwar die nötigen Spieler, aber nicht das richtige System, um Erfolg zu haben. Vor allem in punkto Taktik waren wir recht naiv. Dies änderte sich erst, als Alf Ramsey als Trainer verpflichtet wurde. Er war ein großartiger Denker, und ich war unglaublich stolz, als ich sah, wie einer meiner ehemaligen Mitspieler das Team 1966 zum Weltmeistertitel führte. Das war ein wundervoller Tag für das ganze Land - ich wünschte, wir könnten noch einmal Weltmeister werden. Ich hoffe, dass ich das noch erlebe!"

Als die Engländer 1950 zur FIFA Weltmeisterschaft nach Brasilien reisten, rechneten die Fans fest damit, dass ihre Mannschaft mit dem Jules-Rimet-Pokal zurückkehren würde. Doch wie so oft im Fussball verlief nicht alles nach Plan. Nach einer 0:2-Auftaktniederlage gegen Chile wartete mit den USA in Belo Horizonte bereits der nächste gefährliche Außenseiter. Das Ergebnis dieses Spiels ist legendär: England 0, USA 1. FIFA.com fragte nach den Gründen für diese Niederlage.

"Nun, da ist nicht alles gut für uns gelaufen", scherzte Finney. "Das war eines jener Spiele, in denen wir zum Verlieren verdammt waren. Wir trafen in der ersten Halbzeit mehrmals das Gebälk, und zwei weitere Male in der zweiten Halbzeit. Die Amerikaner hingegen erzielten ein reines Zufallstor, und wir ließen die Köpfe hängen. Danach glaubten wir nicht mehr an uns und hörten auf, Fussball zu spielen. Wir hätten 100 Mal gegen sie spielen können und wären wahrscheinlich 99 Mal als klarer Sieger vom Platz gegangen."

"Als wir in das Flugzeug nach Rio stiegen, waren wir zuversichtlich, unser Land stolz machen zu können, doch dann kamen wir nach Hause und wurden von der Presse zerpflückt. Viele Menschen denken, dass es die Spieler heute mit den Medien sehr schwer haben, doch 1950 war das für uns nicht viel einfacher! Das Problem war, dass England zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teilnahm. Das war für jeden eine neue Erfahrung, und wir wussten nicht, was auf uns zukam. Aber gegen die USA hätten wir auf jeden Fall besser spielen müssen."

Eine abschließende 0:1-Niederlage gegen Spanien im Maracanã-Stadion machte die Hoffnungen der Engländer endgültig zunichte. Die gesamte Aufmerksamkeit galt nun der nächsten WM vier Jahre später in der Schweiz.

Duell mit Yashin
"Es war ein seltsames Erlebnis, nach einer Weltmeisterschaft in einem so fussballverrückten Land wie Brasilien plötzlich in der Schweiz zu spielen, wo alles viel dezenter war", sagte Finney. "Im Maracanã-Stadion spielten wir vor 100.000 Zuschauern, beim Spiel gegen Belgien in Basel waren es nur 14.000. 1954 hatten wir jedoch ein besseres Team und unterlagen erst im Viertelfinale einer starken Mannschaft aus Uruguay. Bei der darauf folgenden WM in Schweden absolvierte ich nur ein Spiel: jenes gegen die Sowjetunion. Ich verletzte mich ziemlich früh, aber ich machte weiter - ein Spielerwechsel wäre nicht in Frage gekommen!"

"Kurz vor Schluss lagen wir 1:2 zurück, als wir einen Elfmeter zugesprochen bekamen, bei dem ich gegen Lev Yashin antreten musste. Er war ein absolut großartiger Torhüter, der als Elfmeter-Killer berüchtigt war und aufgrund seiner gänzlich schwarzen Spielkleidung einschüchternd wirkte. Aber ich ließ mich davon nicht irritieren. Ich dachte nur daran, den Elfmeter zu verwandeln. Ich entschied mich, mit meinem schwächeren rechten Fuß zu schießen, da ich genau wusste, dass er mich ein paar Elfmeter mit links schießen gesehen hatte. Und ich traf! Ich hatte Yashin getäuscht!"

"Ob ich nervös war? Davon können Sie ausgehen! Als ich mich umdrehte, um zu jubeln, sah ich, dass einige meiner Mitspieler mit dem Rücken zu mir standen. Sie hatten beim Elfmeter nicht zusehen können. Sie können sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe! Leider war dies meine letzte Aktion bei der Weltmeisterschaft. Gegen Brasilien und Österreich war ich wegen meiner Verletzung nicht mit dabei - das war wirklich sehr hart für mich. Ich wollte unbedingt spielen, vor allem gegen die großartige brasilianische Mannschaft, in der auch Pelé, Didi und Garrincha - drei meiner Helden - spielten."

"Aber nicht nur ich fehlte meiner Mannschaft. Ich denke, wir hätten uns bei dieser Weltmeisterschaft viel besser geschlagen, wenn die Katastrophe in München nicht gewesen wäre. Wir haben drei oder vier Spieler von Manchester United verloren, allen voran Duncan Edwards, der in diesem Turnier genauso mit großartigen Leistungen hätte glänzen können wie Pelé. Beide waren großartige Ballkünstler, die ihre Mitspieler mitreißen konnten und auch torgefährlich waren. Es ist wirklich schade, dass die beiden niemals zusammen auf der großen Bühne des Weltfussballs auftreten konnten."

Als er diesen letzten Satz sprach, hatte er Tränen in den Augen. Finney gilt in England als der "Gentleman-Fussballer". Er erhielt in seiner gesamten, 510 Spiele umfassenden Karriere nicht eine einzige Gelbe Karte geschweige denn einen Platzverweis, und wurde auch nie von einem Schiedsrichter mündlich verwarnt. Und in all diesen Spielen blieb er stets seinem Heimatklub Preston North End treu. Was denkt er über den heutigen Fussball, im Vergleich zu jenem der 50er Jahre?

"Gute Spieler möchten immer für die besten Klubs spielen, andere hingegen - wie auch ich - möchten nur für einen Verein spielen. Das war bereits damals eine Seltenheit. Die Spieler fühlen noch immer Schmerz nach einer Niederlage, und Freude nach einem Sieg - und es gibt keine größere Ehre, als für sein Land zu spielen und Weltmeister zu werden. Die Medien wiederum erwarten auch heute noch von England in jedem einzelnen Spiel einen Sieg. Alles in allem hat sich nicht wirklich viel geändert, oder?"