Das "Wunder von Bern", Deutschlands erster Titelgewinn bei einer Fussball-Weltmeisterschaft 1954, ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Sepp Herberger war mehr als nur der Trainer der Mannschaft, er galt als einer der Gründerväter des neuen Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg. Mit dem Sieg gegen Ungarn wurde er zu einer der Symbolfiguren der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Joseph Herberger wurde am 28. März 1897 in Mannheim geboren - als letztes von sechs Kindern. Im Arbeiterviertel Waldhof wächst der junge "Sepp" Herberger auf, mit zwölf Jahren verliert er seinen Vater. Weil die Arbeitskraft des Vaters fehlte, musste der Junge bereits früh anfangen zu arbeiten, um das Geld für die Familie zu verdienen. Mit 14 Jahren arbeitet er zunächst als Hilfsarbeiter auf dem Bau, danach in einem Betrieb für Metallverarbeitung.

Doch Herberger interessierte schon zu Kinderzeiten nur eines: Der Fussball. Und schon mit 17 Jahren lief er erstmals in der ersten Mannschaft seines Heimatvereins Waldhof Mannheim auf.

Eiserner Kämpfer und Renner

Doch 1914 begann der erste Weltkrieg und Herberger wurde zwei Jahre später ins Militär eingezogen, wo er zwei Jahre Dienst leistete. Nach seiner Rückkehr spielte der talentierte Stürmer wieder für seinen SV Waldhof. Er galt als eiserner Kämpfer und konditionsstarker Renner auf dem Spielfeld.

Seine Leistungen brachten ihm 1921 erstmals die Berufung in die deutsche Nationalmannschaft. Beim 3:3 gegen Finnland debütierte Herberger im deutschen Trikot. Doch es sollte nur bei drei Einsätze bleiben.

Herberger wechselte zum Stadtrivalen VfR Mannheim, wird jedoch aufgrund eines Verstoßes gegen die Amateur-Statuten für ein Jahr gesperrt. Der Stürmer soll unerlaubt Handgeld für den Vereinswechsel angenommen haben.

Mit dem VfR feierte der 28-Jährige 1925 die süddeutsche Meisterschaft - er erzielt das entscheidende Tor im Finale. Im gleichen Jahr absolviert Herberger sein letztes Spiel im Trikot der Nationalmannschaft im Spiel gegen Holland.

Herberger wechselte 1926 nach Berlin, wo er für Tennis Borussia vier Jahre lang kickte. Gleichzeitig begann der 30-Jährige ein Diplom-Sportlehrer-Studium an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin, wo er als Jahrgangsbester abschloss. Seine Diplomarbeit hatte den Titel "Der Weg zur Höchstleistung im Fußballsport." Vier Jahre arbeitete Herberger als Verbands-Sportlehrer beim Westdeutschen Spielverband in Duisburg.

Berufung zum Reichsfussballtrainer

Die Berufung zum Nationaltrainer kam dann im Jahr 1936. Nach den Misserfolgen der Olympiamannschaft wurde er Nachfolger von Reichsfussballtrainer Otto Nerz.
Herberger baute eine Mannschaft auf, der gute Chancen bei der Weltmeisterschaft Frankreich 1938 eingeräumt wurden. Doch der Nationaltrainer musste sich der damaligen Politik beugen. Spieler des anektierten Österreich musste er auf Druck von Berlin in seine Mannschaft aufnehmen. Deutschland schied bereits nach der Vorrunde aus.

Die folgenden Jahre waren vom Krieg geprägt. Obwohl es keine Nationalmannschaft mehr gab, versuchte Herberger, mit all seinen Spielern weiter Kontakt zu halten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges baute Herberger eine neue Nationalmannschaft auf und wurde 1950 offiziell zum Bundestrainer ernannt.

Die FIFA-Fussball-Weltmeisterschaft im gleichen Jahr fand jedoch ohne Deutschland statt. Im November 1950 fand nach acht Jahren wieder ein Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft statt. Das neue Nationalteam präsentierte sich erstmals nach dem zweiten Weltkrieg in einem Länderspiel und besiegte vor 115.000 Zuschauern in Stuttgart die Nationalelf der Schweiz mit 1:0. Es sollte der Beginn einer großen Mannschaft sein.

Behutsam baute Herberger seine Mannschaft um den Kapitän Fritz Walter auf. Doch Deutschland war bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz krasser Aussenseiter. Ungarn galt als unschlagbar, was Deutschland in der Vorrunde bitter zu spüren bekam. Nach der bitteren 3:8-Niederage gegen die "Magischen Magyaren" wurde Herberger wüst beschimpft. Der Nationaltrainer hatte aus taktischen Gründen nur seine zweite Garde aufs Feld geschickt und die Niederlage ganz bewusst in Kauf genommen.

Genialer Fussballstratege

Herberger hatte sich bereits ausgerechnet, dass sein Team in der Vorrunde zwei Spiele gewinnen musste, um in die nächste Runde zu gelangen. Im ersten Spiel wurde die Türkei besiegt und das Wiederholungsspiel war ihnen bereits sicher. Der deutsche Nationalcoach war Realist genug, um zu wissen, dass seine Elf gegen die starken Ungarn keine Chance hatte und kalkulierte die Niederlage ein. Deshalb ließ er die Zweitbesetzung spielen und schonte seine Stars für das entscheidende Spiel gegen die Türkei.

Doch Herberger ließ sich durch die Anfeindungen nicht beirren und ging seinen Weg geradlinig weiter. Der Erfolg sollte ihm recht geben, denn seine Taktik ging auf und eine ausgeruhte deutsche Elf siegte später gegen die Türkei und sicherte so das Weiterkommen. Viele Kritiker mussten ihre Anfeindungen später zurücknehmen und bezeichneten ihn fortan als "genialen Fußballstrategen".

Sein Notizbuch mit den Stärken und Schwächen der gegnerischen Spieler machten ihn genauso berühmt wie seine unnachahmlichen Fussball-Weisheiten. "Der Ball ist Rund" und "Das Spiel hat 90 Minuten" sind nur einige davon.

Der 4. Juli 1954 sollte in die Geschichte eingehen. An diesem Tag kam es zum Endspiel zwischen Ungarn und Deutschland, dem Spiel David gegen Goliath, was später nur noch als das "Wunder von Bern" bezeichnet wurde. Die magischen Magyaren galten zu dieser Zeit als unschlagbar, eine Sensation war es bereits, dass die deutsche Elf im Endspiel stand.

Herberger war der "Chef"

Doch Herberger war ein gerissener Trainer und wusste genau, wie er sein Team motivieren kann. Er war autoritär, konnte jedoch auch einfühlsam sein. Herberger wusste genau, wie seine Worte wirkten und wie er mit Spielern umgehen musste. Seine Spieler - und später eine ganze deutsche Fussball-Nation - nannten ihn respektvoll nur den "Chef".

Der Fussballphilosoph verstand es wie kein anderer, die Eigenschaften seiner Spieler herauszuarbeiten. Seine Mannschaft bestach durch Ausdauer, physische Stärke, Disziplin, Team- und Kampfgeist - die Tugenden, die auch heute noch als deutsche Tugenden bezeichnet werden.

Disziplin war ihm heilig, die Mannschaft musste funktionieren. Sein Motto "Elf Freunde müsst ihr sein" wurde zum Schlagwort. Auf dem Platz hatte er mit Kapitän Fritz Walter seinen verlängerten Arm. Er war seine einzige Vertrauensperson. Der Lauterer war der Schlüssel zu Herbergers Spiel, nicht nur spielerisch, sondern auch menschlich. Er setzte das in die Tat um, was der "Chef" im Kopf hatte.

Deutschland besiegte in einer Regenschlacht im Berner Wankdorfstadion Ungarn mit 3:2 nachdem die Magyaren bereits mit 2:0 führten. Herbergers Rezept ging auf, Deutschland brachte Ungarn nach vier Jahren die erste Niederlage bei.

Doch der Sieg im Endspiel von Bern bedeutete nicht nur den ersten Titelgewinn bei einer Weltmeisterschaft. Er bedeute viel mehr für ein Deutschland das nach dem Krieg in Trümmern lag. Der Sieg von Bern verhalf einer ganzen Nation wieder zu mehr Selbstwertgefühl, baute das Nachkriegsdeutschland mental auf. Es gab wieder etwas, an dem sich die Menschen aufrichten konnten.

Gründervater einer neuen Generation

Und Sepp Herberger war nicht nur der Trainer einer Weltmeisterelf, er wurde zum Gründervater einer neuen Generation, eines neuen Deutschlands, einem Aufbauhelfer. Der Sieg 1954 in Bern hatte eine psychologische Bedeutung wie sonst kein anderer sportlicher Erfolg in der Folgezeit. Für diesen Verdienst erhielt er 1962 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Herberger blieb noch bis 1964 Bundestrainer. 1958 gelang der deutschen Elf bei der Weltmeisterschaft in Schweden der vierte Platz und 1962 war im Viertelfinale gegen Chile Endstation. Herbergers saß am 7. Juni 1964 beim Sieg in Finnland letztmals auf der Trainerbank der deutschen Nationalmannschaft, ehe er das Amt an seinen Nachfolger Helmut Schön abgab und sich zur Ruhe setzte.

Am 28. April 1977 starb Herberger im Alter von 80 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in seiner Geburtsstadt Mannheim. Seine Ausstrahlung, seine Raffinesse und seine menschliche Güte machten Sepp Herberger zum Mythos.

Taktik

Herberger galt als gewiefter Taktiker. Seine erfolgreiche Mannschaft, die im ersten Spiel der FIFA Weltmeisterschaft 1954 gegen die Türkei mit 4:1 klar gewonnen hatte, baute er auf acht Positionen um. Im zweiten Spiel gegen die favorisierten Ungarn schonte er seine besten Akteure und ließ die zweite Garde auflaufen. Nur Kapitän Fritz Walter, Jupp Posipal und Werner Kohlmeyer ließ er im Team. Es kam wie es kommen musste, sein Team unterlag gnadenlos mit 3:8. Doch später sollte sich dieser Schachzug als genial herausstellen, denn im Entscheidungsspiel gegen die Türkei siegte eine ausgeruhte deutsche Elf souverän mit 7:2 und zog somit in die Zwischenrunde ein. "Ich bin der Meinung, dass wir an diesem Tag auch mit unserer stärksten Mannschaft verloren hätten", verteidigte Herberger anschließend seine Maßnahme, die ihm sehr viel Unmut einbrachte.