Marseille hat etwa 830.000 Einwohner, die ausnahmslos als Anhänger von OM, Frankreichs beliebtestem Fussballverein, gelten. Ob in den Cafés oder auf den zahlreichen Märkten der Stadt, ob in den Büros oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln, an den Tagen, denen ein Spiel ihrer Mannschaft vorausging, gibt es an allen Ecken und Enden der südfranzösischen Hafenstadt nur ein einziges Diskussionsthema: Die Leistung der traditionell in Weiß spielenden Akteure von Olympique Marseille.

Seit mehr als einem Jahrhundert sorgt OM nun schon bei seinen Fans für überschwängliche Begeisterung, sofern die Mannschaft gewinnt, aber auch für so manchen Wutausbruch, wenn das Ergebnis mal nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein Klub also, der von der Leidenschaft lebt und gleichzeitig Faszination ausstrahlt, und der es bis an die Spitze des europäischen Fussballs geschafft hat. Für FIFA.com Grund genug, um Olympique Marseille etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Die Geburtsstunde einer Institution
Der heute im wahrsten Sinne des Wortes zu den populärsten Vereinen Frankreichs zählende Klub wurde im Jahr 1892 durch René Dufaure de Montmirail, einen in Marseille ansässigen Aristokraten, als Sportklub Marseille gegründet. Nachdem er sich fünf Jahre später in Fussballklub Marseille umbenannt hatte, erfolgte im Jahr 1899 der Zusammenschluss mit dem Klub Epée (Degen), einem ortsansässigen Fechtverein. Es war die Geburtsstunde von Olympique Marseille, dessen Vereinsfarben sich fortan nicht mehr ändern sollten. Gleiches gilt für das Vereinsmotto "Droit au But" ("Anspruch auf Tore").

Im damaligen Frankreich verstand man unter "Fussball" faktisch Rugby, da das Spiel mit dem runden Leder seinerzeit lediglich von einigen englischen und deutschen Matrosen praktiziert wurde, deren Schiffe den Hafen von Marseille anliefen. Jene Pioniere waren es dann auch, die den Fussball rasch verbreiteten und ihn nach und nach zu einer Art Religion machten. Ab dem Jahr 1902 verschrieb sich auch Olympique Marseille voll diesem Sport und übernahm in Sachen Fussball schon bald die Vorreiterrolle in der südfranzösischen Küstenregion. Trotz ihrer lokalen Überlegenheit hatte die Mannschaft jedoch Mühe, sich auch im nationalen Maßstab durchzusetzen. Allein zwischen 1904 und 1908 erreichte man vier Mal das Halbfinale der französischen Meisterschaft, musste sich dort aber jedes Mal geschlagen geben. Doch es sollte noch schlimmer kommen: In den Jahren 1909 bis 1913 war es ausgerechnet der Ortsrivale Stade Helvétique Marseillais, ein von in Marseille lebenden Schweizern gegründeter Fussballverein, der OM gleich drei Meistertitel vor der Nase wegschnappte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden in Frankreich dann alle Sportwettbewerbe, einschließlich des Spielbetriebs im Fussball, eingestellt.

Die Entstehung einer Legende
Unmittelbar nach Kriegsende wurde der französische Pokalwettbewerb eingeführt. Dieser brachte OM in der Folge endlich auch den lang ersehnten Durchbruch auf nationaler Ebene. Im Jahr 1924 war Olympique Marseille die erste Mannschaft aus der Provinz überhaupt, die den französischen Pokal gewinnen konnte. Bereits 1926 und 1927 triumphierten die Südfranzosen erneut im Pokal. Die Krönung jener glanzvollen Ärä des Vereins, die von Spielern wie Édouard Crut und Jean Boyer geprägt wurde, war der Gewinn der französischen Meisterschaft, die damals noch Amateurstatus hatte, im Jahr 1929. 1932 gehörte Olympique Marseille zu den Gründungsmitgliedern der französischen Profiliga und sicherte sich im Jahr 1937 erstmals den Meistertitel in Frankreichs Division 1. Zwei Jahre zuvor hatte OM ein weiteres Mal den französischen Pokal geholt, dem im Jahr 1938 der bis dahin fünfte Pokalsieg folgte.

Das nachfolgende Jahrzehnt bescherte dem Klub aus der Hauptstadt des Départements Bouches-du-Rhône dann den sechsten Pokalerfolg (1943) und im Jahr 1948, also elf Jahre nach dem ersten Triumph, auch den zweiten Sieg in der französischen Meisterschaft. Einer der wichtigsten Stützen jener Mannschaft war Mittelfeldspieler Roger Scotti, der Olympique Marseille seine ganze Karriere widmete und sich mit insgesamt 406 Pflichtspielen für seinen Klub - damit hält er bis heute den Vereinsrekord - die Herzen der Fans eroberte. Ebenso Emmanuel Aznar, der seinerzeit mit 56 Toren in 38 Pflichtspielen, davon neun bei einem denkwürdigen 20:2-Sieg über Avignon im Jahr 1942, bei OM als Torjäger vom Dienst fungierte.

Danach begann eine zwei Jahrzehnte andauernde Durststrecke, in deren Verlauf man nicht nur keinen einzigen Titel mehr holen konnte, sondern überdies im Jahr 1959 zum ersten Mal in die zweite Liga absteigen musste. Nachdem OM im Jahr 1962 den Wiederaufstieg geschafft hatte, fiel der Traditionsklub in der folgenden Saison erneut in die Zweitklassigkeit. Paradoxerweise hatte die Mannschaft aber gerade in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Gunnar Andersson den bisher erfolgreichsten Stürmer der Vereinsgeschichte in ihren Reihen. Der Schwede schoss insgesamt 186 Tore und gilt bis heute als einer der besten Spieler, die je bei OM unter Vertrag standen. Weitaus weniger erfreulich waren in dieser Zeit die herbe 3:10-Heimniederlage gegen AS Saint-Etienne im Jahr 1952, das Ausscheiden in der ersten Pokalrunde, also ausgerechnet in jenem Wettbewerb, in dem man sich schon so heimisch gefühlt hatte, gegen den Tabellenletzten der zweiten Liga im Jahr 1959, sowie das Verhalten der Fans, die zunächst ihrem Unmut Luft machten und ihrer Mannschaft später nur noch die kalte Schulter zeigten. Trauriger Höhepunkt war ein Heimspiel gegen Forbach in der Saison 1965, zu dem nur noch ganze 434 Zuschauer ins Stadion gekommen waren.

Doch sollte Marseille auch bald wieder bessere Zeiten erleben. Dies vor allem dank seines neuen Vereinspräsidenten Marcel Leclerc, der sein Amt mit dem ehrgeizigen Ziel antrat, aus der noch nicht völlig erloschenen Glut wieder eine Flamme der Leidenschaft zu schüren. Er übernahm die Verantwortung für den Zweitligaklub, setzte den einheimischen Ex-Profi Mario Zatelli als Trainer ein und führte die Mannschaft Schritt für Schritt wieder in die Erfolgsspur zurück. Spätestens nach dem siebten Gewinn des französischen Pokals im Jahr 1969 wurde das Führungsduo durch anspruchsvollen Fans von Olympique Marseille in den Ritterstand erhoben. Und zwei Jahre später (1971) sicherte sich OM erneut den französischen Meistertitel. Großen Anteil daran hatten zwei Stürmer, die in Marseille seither Kultstatus genießen. Die Rede ist vom Kroaten Josip Skoblar und dem Schweden Roger Magnusson. Vor allem dank dieses magischen Angriffsduos konnte OM in der nachfolgenden Spielzeit (1972) seinen Titel verteidigen schaffte mit seinem achten Pokalsieg im gleichen Jahr erstmals das begehrte Double.

Damit war der Zeitpunkt gekommen, sich auch auf der europäischen Bühne zu bewähren. Allerdings ging das Debüt im damaligen Europapokal der Landesmeister erst einmal gründlich daneben, als man sowohl gegen Ajax Amsterdam mit dem legendären Johan Cruyff bereits im Achtelfinale als auch im Jahr darauf gegen Juventus Turin schon in der ersten Runde die Segel streichen musste. In Frankreich selbst dominierte inzwischen AS Saint-Etienne das Geschehen, während die Pokalromanze ihre Fortsetzung nahm und OM im Jahr 1976 den französischen Pokal ein weiteres Mal nach Marseille entführte.

Im Jahr 1980 geschah etwas, was eigentlich undenkbar schien. Trotz eines imposanten Mannschaftskaders, in dem mit Marius Trésor, Anders Linderoth, Marc Berdoll und Didier Six gleich mehrere Nationalspieler standen, musste Olympique Marseille wieder einmal den bitteren Gang in die zweite Liga antreten. Doch dieses Mal hatte der damit verbundene Frust auch seine positiven Seiten, die OM in der Folge zu einem der schönsten Kapitel in der Vereinsgeschichte verhelfen sollten. Man entschloss sich, künftig verstärkt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen, um die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen. Die Minots, wie die jungen Nachwuchsspieler in Marseille liebevoll genannt werden, stellten sich der Herausforderung und schafften im Jahr 1984 den Wiederaufstieg. Allen voran der junge Verteidiger Eric Di Meco, der damals noch nicht wusste, dass er ein paar Jahre später eine der schönsten Episoden in der Marseiller Klubgeschichte erleben sollte.

Nachdem Bernard Tapie im Jahr 1985 das Amt des Vereinspräsidenten übernommen hatte, erinnerte die nachfolgende Entwicklung des Klubs stark an die Ära Leclerc. Man verpflichtete einen Star nach dem anderen, und schon bald holte OM auch wieder Titel. Namen wie Karl-Heinz Förster, Alain Giresse, Jean-Pierre Papin, Chris Waddle, Enzo Francescoli, Abedi Pelé, Didier Deschamps, Basile Boli, Marcel Desailly, Rudi Völler und Eric Cantona sind nur einige aus jener Generation an Topspielern, die Olympique Marseille nicht nur wieder an die Spitze des französischen Fussballs, sondern auch zu höchsten Ehren auf der europäischen Bühne führten. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei von solch erfahrenen Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer und Raymond Goethals, die in Marseille nacheinander als technischer Direktor bzw. als Coach auf der Trainerbank saßen.

Von 1989 bis 1993 wurde Olympique Marseille fünf Mal in Folge französischer Meister - damals eine Rekordmarke - und sicherte sich im Jahr 1989 erneut den Pokalsieg. Seinen absoluten Höhepunkt erreichte OM am 26. Mai 1993. Nachdem die Mannschaft zwei Jahre zuvor im Finale erst im Elfmeterschießen gegen Roter Stern Belgrad gescheitert war, gewannen die Südfranzosen als erster französischer Klub überhaupt - und bis heute auch als einziger - dank ihres Endspielsieges über AC Mailand die UEFA Champions League. Plötzlich stand ganz Marseille Kopf, und der gesamte französische Fussball dazu. Leider blieb danach kaum Zeit, den grandiosen Erfolg richtig zu genießen. Nachdem bekannt wurde, dass vor dem Punktspiel gegen AFC Valenciennes, das wenige Tage vor dem Champions League-Finale stattgefunden hatte, Bestechungsgelder gezahlt worden waren, wurde der französische Meistertitel aberkannt und der Klub für die Saison 1994 in die zweite Liga zurückgestuft.

Die Gegenwart
Seit dem Triumph in der UEFA Champions League konnte Olympique Marseille keine einzige Trophäe mehr gewinnen. In den Augen der treuen Fans erscheinen 15 Jahre ohne Titel fast wie eine Ewigkeit. Nachdem in der Saison 1996/97 der Wiederaufstieg gelang, spielt OM ununterbrochen in Frankreichs Ligue 1. Inzwischen hat der Klub auch wieder an seine erfolgreichen Auftritte in den europäischen Wettbewerben anknüpfen können. Dies belegen die beiden Finalteilnahmen im UEFA-Pokal in den Jahren 2000 und 2004, bei denen man jeweils unterlag. International bekannte Topspieler wie Laurent Blanc, Fabrizio Ravanelli, Christophe Dugarry, Franck Ribéry und Didier Drogba haben in den Herzen der Marseiller Fans zwar für immer ihre Spuren hinterlassen, konnten OM jedoch zu keinem weiteren Titel verhelfen.

Heute steht die Mannschaft im Zeichen einer jungen und talentierten Spielergeneration, aus der besonders Steve Mandanda im Tor, Taye Taïwo in der Abwehr und Hatem Ben Arfa im Angriff hervorragen. Vor allem diese jungen Akteure sind es, die an der Seite von solch routinierten Erstligaprofis wie Djibril Cissé, Mamadou Niang und Lorik Cana zunehmend Verantwortung dafür übernehmen, dass der Traditionsklub aus der Metropole am Mittelmeer unter seinem jetzigen Trainer Eric Gerets bald wieder an seine glorreichen Zeiten anknüpfen kann. Und angesichts der Tatsache, dass mit Gerets derzeit ein Belgier die sportlichen Geschicke der Mannschaft leitet, wurden auch schon nostalgische Erinnerungen geweckt und abergläubische Prognosen laut. Kein Wunder, denn schließlich war es mit Raymond Goethals ebenfalls ein belgischer Trainer, der Olympique Marseille im Jahr 1993 zum bisher größten Erfolg in der Vereinsgeschichte, dem Sieg in der UEFA Champions League, geführt hatte.

Das Stadion
Im Stade Vélodrome werden schon seit geraumer Zeit keine Bahnradrennen mehr ausgetragen. Dennoch verdankt die heutige Spielstätte von Olympique Marseille ihren ursprünglichen Ruhm und vor allem ihren Namen dem Radsport. Das im Jahr 1937 eingeweihte Stadion wurde von OM als Ersatz für das Stade de l'Huveaune übernommen und verfügte noch bis zum Ende der 80er Jahre über eine Radrennbahn, die im Zuge des Umbaus vor dem FIFA Weltpokal France '98 zusätzlichen Tribünen weichen musste. Unzählige Ballkünstler sind in der Vergangenheit bereits auf dem Rasen der traditionsreichen Spielstätte aufgelaufen, so auch während der beiden FIFA Fussball-Weltmeisterschaften 1938 und 1998. Das Stade Vélodrome bietet Platz für 60.000 Zuschauer und ist bei den Heimspielen in aller Regel gut gefüllt, denn dann bebt das Vel unter den lautstarken Gesängen der leidenschaftlichsten Fans von ganz Frankreich.