Mit zehn Meistertiteln, sechs Pokalsiegen und zahlreichen europäischen Prestigeerfolgen gilt Royal Standard Lüttich in Belgien längst als Institution. Der Klub kann in dem ökonomisch-sozialen Umfeld einer Stadt, die ihr sportliches Flaggschiff bedingungslos liebt, auf eine lange und turbulente Geschichte zurückblicken. Der beliebteste Verein des Königreichs ist seit zehn Jahren der größte Rivale seiner traditionellen Erzfeinde Royal Sporting Club Anderlecht und Club Brügge.

Die Geburtsstunde einer Institution
Standard wurde 1898 von Studenten des Collège Saint-Servais gegründet. Als Mitglied des belgischen Verbandes für Sportvereine fanden die Rot-Weißen im "Velodrom de la Boverie" am Ufer der Meuse ihre erste Heimat. 1909 zog der Klub in den Stadtteil Sclessin, wo bis heute die Heimstätte des Vereins ist. In jenem Jahr stieg Standard auch erstmalig in die Elite des Landes auf. In den folgenden Jahren musste das Team nur ein einziges Mal den Gang in die Zweitklassigkeit antreten (1914), doch ab 1921 war Standard durchgehend in der höchsten belgischen Spielklasse vertreten.

1954 schließlich konnte mit dem Sieg im belgischen Pokal der erste Titelgewinn gefeiert werden. Die Erfolge beim ältesten Wettbewerb des Landes (15 Finalteilnahmen) waren auch die Grundlage für den Gewinn der ersten belgischen Meisterschaft, die nur vier Jahre später folgte. Angeführt von Kapitän Jean Mathonet gelang 1958 der erste Triumph in der nationalen Liga. Bis 1971 sollten vier weitere Meisterschaften und zwei Pokalsiege folgen. Jean Thissen, Roger Claessen und der legendäre Torhüter Jean Nicolay mehrten in jener Zeit den Ruhm des Klubs. 

Die Entstehung einer Legende
Der für seine nächtlichen Eskapaden berühmt gewordene Torjäger Roger Claessen symbolisierte die Volkstümlichkeit und Leidenschaft der Fans und ihres Lieblingsklubs. 1967 wurde Claessen (der aufgrund seiner Entgleisungen den Spitznamen Roger die Schande erhielt) bester Torschütze im Europapokal der Pokalsieger. Legendär war seine Leistung gegen die Ungarn von Györi ETO FC, als er Standard mit gebrochenem Schlüsselbein zum Sieg und sensationell ins Halbfinale führte, das indes gegen Bayern München verloren ging. Drei Jahre später gelang dem Team um Milan Galic, Wilfried Van Moer und Christian Piot ein Sieg im Achtelfinale gegen Real Madrid. Ein historischer Erfolg, der fast 15 Jahre lang unerreicht bleiben sollte. 

1981, zehn Jahre nach dem letzten Titelgewinn, feierte Lüttich unter dem österreichischen Trainer Ernst Happel den Gewinn des vierten belgischen Pokals. Auf europäischer Ebene sollte das Team indes erst wieder unter Raymond Goethals zu neuen Erfolgen finden. Im Mai 1982, kurz nach dem Gewinn des siebten Meistertitels, scheiterten die Belgier um Kapitän Eric Gerets und Torhüter Michel Preud’homme erst im Finale des Europapokals der Pokalsieger am FC Barcelona (1:2), obwohl Guy Vandersmissen Standard in Führung gebracht hatte. 1984, ein Jahr nach dem Gewinn von zwei Meisterschaften in Folge, wurde der Klub von einer Affäre um manipulierte Spiele erschüttert, von dem er sich neun Jahre lang nicht erholen sollte.

Im Finale des belgischen Pokals am 6. Juni 1993 schließlich setzte sich das Team um Philippe Léonard, André Cruz und Roberto Bisconti im wallonischen Derby gegen Charleroi durch. 1996 erreichte Lüttich das Finale des Intertoto Cups, und acht Jahre später nahm das Team sogar an der Vorrunde für die UEFA Champions League teil. Die goldene Generation um Steven Defour, Axel Witsel und Milan Jovanovic (belgischer Fussballer des Jahres 2008 und 2009) führte Standard schließlich wieder auf den Gipfel: Es konnten zwei Meisterschaften in Folge und Prestigeerfolge in der UEFA Europa League gegen den FC Everton, FC Sevilla und Sampdoria Genua gefeiert werden.

Die Gegenwart
Nach einem erneuten Pokalgewinn und einem zweiten Platz in der Meisterschaft steht der Klub, der seit Juni 2011 vom neuen Besitzer Roland Duchâtelet geführt wird, vor einer ungewissen Zukunft. 2011/2012 erreichte Standard das Achtelfinale der UEFA Europa League, in der belgischen Meisterschaft indes sprang lediglich ein enttäuschender fünfter Rang heraus. Den Neuaufbau soll nun der Niederländer Ron Jans bewerkstelligen.

Das Stadion
Die nach dem fünften Präsidenten des Klubs, Maurice Dufrasne, benannte Arena ist eher unter dem Spitznamen "die Hölle von Sclessin" bekannt. Das 1909 erbaute Stadion wurde 1925 sowie 1940 renoviert. 1999 wurde der am Ufer der Meuse errichtete Komplex für die UEFA EURO 2000 letztmalig modernisiert. Seit 2006 verfügt das Stadion, das nur 30.143 Sitzplätze umfasst, über einen beheizten Rasen und soll demnächst renoviert und vergrößert werden.