All die tradierten Überzeugungen über die Einsamkeit des Torhüters im Fussball, dessen einzige traurige Bestimmung das Toreverhindern sei, ohne dabei selbst Tore zu erzielen, sind im heutigen Beach Soccer überholt. Im gleichen Maße, wie sich die Geschwindigkeit des Spiels und die taktische Ausrichtung der Mannschaften im letzten Jahrzehnt unglaublich schnell weiterentwickelt hat, hat sich auch die Rolle des Torwarts deutlich verändert. Dies führt dazu, dass die Torhüter heute eine besondere Rolle einnehmen: Tore vorzubereiten.

"In den meisten Turnieren ist es heutzutage üblich, dass der Torwart an etwa 60 Prozent der Treffer beteiligt ist. Wenn man Mannschaften wie Iran, Spanien oder Italien nimmt, kann man sehen, mit wie viel Präzision und Schnelligkeit die Torhüter Bälle abwerfen können. Dies ist ein ganz wichtiges Merkmal in ihrem Spiel", erklärt der Kanadier Ross Ongaro, Mitglied der Technischen Studiengruppe der FIFA, am Rande der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft Portugal 2015™ in Espinho gegenüber FIFA.com. "Der Torwart bestimmt den Rhythmus des Spiels und entscheidet bei allen Offensivaktionen, wann welcher Spieler den Ball bekommt. Dabei muss er folgendes beachten: Wird unser bester Stürmer vom zweit- oder drittbesten Verteidiger des Gegners gedeckt? Ist die gegnerische Mannschaft müde und wäre es daher ratsam, das Spiel schnell zu machen? Es sind dies Aufgaben wie die eines Point Guards im Basketball oder eines Quarterbacks im American Football. Der Trainer mag die Spielzüge einstudieren lassen, aber auf dem Feld ist es der Torwart, der die strategischen Entscheidungen trifft."

Alles unheimlich schnell!
Als wenn diese ganze Verantwortung nicht schon genug wäre, gibt es noch ein weiteres erschwerendes Detail. All diese vielen Entscheidungen müssen in Sekundenschnelle getroffen werden, denn beim Beach Soccer haben die Mannschaften nur vier Sekunden Zeit, um den Ball aus ihrem Strafraum zu befördern. "In diesem Augenblick muss ich das gesamte Spielfeld überblicken, die beste Möglichkeit auswählen und außerdem noch daran denken, wie derjenige Spieler den Ball am liebsten zugespielt bekommt", erklärt der Spanier Dona, der bei der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft Tahiti 2013 mit dem adidas Goldenen Handschuh ausgezeichnet wurde.

Und dabei geht es nicht nur um die persönlichen Vorlieben des Spielers, der den Abwurf bekommt, sondern viel mehr um taktische Bewegungen, die die Torhüter erkennen müssen. "Ich nehme immer den starken Fuß als Referenz: Wenn ein Rechtsfuß nach rechts zieht, weiß ich, dass ein schneller Ball kommen muss, ist er ein Linksfuß, muss der Ball diagonal und dabei länger und flacher ankommen. Und wenn ein Stürmer sich in die Mitte zurückfallen lässt, muss der Ball unterhalb seines Knies ankommen, damit er den Ball entweder annehmen und auf das Tor schießen oder auf die Flügel rausspielen kann", erklärt Brasiliens Torwart Mão gegenüber FIFA.com und hört sich dabei wie ein Trainer an. "Bis zu einem gewissen Punkt ist das alles mathematisch berechenbar: Man kann die Bewegungen, die Schritte der Mannschaftskameraden und auch die Zeit kalkulieren, die man hat."

Werfen, werfen und nochmals werfen
Um an diesen Punkt zu gelangen, bedarf es Training. Sehr viel Training, um genau zu sein. "Es ist kein Zufall, dass die meisten Mannschaften einen Torwarttrainer haben, der ganz gezielt mit ihnen den Spielaufbau trainiert", erklärt Ongaro. Aber diese Trainingseinheiten beschränken sich nicht nur auf Spielsituationen, sondern gehen in eine ganz bestimmte Methodik über, wie der Brasilaner Mão beschreibt: "Wir trainieren im Speziellen mit Figuren, die wir auf dem Spielfeld in bestimmten Positionen aufstellen, und simulieren die verschiedenen Abwürfe, die man auch im Spiel macht - etwa die Linie entlang, in die Mitte und lange Diagonalbälle. Jeden Tag und in jedem Training trainiere ich zwischen 50 und 100 dieser Abwürfe. Das ist zwar anstrengend, hilft mir aber, die Bewegungsabläufe zu verinnerlichen und die Abwürfe ohne großes Nachdenken ausführen zu können."

Ongara erklärt außerdem: "Auch gerade deshalb sprechen wir heute nicht mehr von den früheren taktischen Systemen des Beach Soccers wie 1-3, 2-2 oder 3-1, sondern vom 1-3-1 und so weiter. Heute nimmt der Torwart so stark am Spiel teil, dass er auch in der taktischen Aufstellung genannt wird." Im Sand gibt es also keinen Platz mehr für die Einsamkeit: Kaum ein Spieler ist heute beliebter als der Torwart.