Ein besonderes Rädchen im Getriebe
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Es war bereits eine halbe Stunde vergangen, seit die russische Mannschaft in Ravenna von dem Podest geklettert war, auf dem sie zum Weltmeister gekürt worden war. Die Spieler standen schon unter der Dusche, die Kabine war leer. Oder besser gesagt, fast leer. In einer Ecke stand noch ein Stuhl, und auf dem saß Ilya Leonov ganz still, mit gesenktem Kopf - und starrte auf die Trophäe, die er in der Hand hielt.

Die anderen elf Spieler waren bereits aus der Dusche zurück, und er saß immer noch im Trikot da, auf dem Stuhl in der Ecke. Er nahm die Hände nur von der Trophäe - oder besser gesagt eine Hand -, um zum Handy zu greifen und seine Familie anzurufen. Wir konnten nicht hören, was der russische Kapitän genau sagte, aber es könnte wohl so etwas gewesen sein wie: "Mama, ich habe den Goldenen Ball gewonnen."

Dass es Russland gelang, den viermaligen Weltmeister Brasilien vom Thron zu stoßen, noch dazu mit einem klaren 12:8-Sieg, war sicher bereits überraschend für Leonov und seine Teamkameraden. Dass dann aber auch noch ein Spieler der Mannschaft, die sich vor allem mit ihrer Homogenität und mannschaftlichen Geschlossenheit einen Namen gemacht hatte, als bester Spieler des Turniers mit dem Goldenen Ball von adidas ausgezeichnet wurde, war sicherlich mehr, als die frischgebackenen Weltmeister sich erträumt hatten.

"Das hätte ich mir nie träumen lassen", erklärte ein noch immer völlig überwältigter Ilya Leonov im Gespräch mit FIFA.com. "Ich weiß, dass alle so etwas sagen, aber in unserem Fall trifft es ganz besonders zu: Diese Trophäe gebührt nicht mir allein. Bei einer Mannschaft wie unserer gebührt alles allen zwölf Spielern, den zehn Feldspielern und den beiden Torhütern. Das gehört alles uns allen."

Aber selbst Trainer Mikhail Likhachev, der sich immer besonders begeistert über die mannschaftliche Geschlossenheit und Solidität der Russen äußerte, sah sich gezwungen, ein Eingeständnis zu machen: Ilya Leonov hatte 2011 in Ravenna einen ganz besonders glanzvollen Auftritt zu verzeichnen. "Es ist zweifellos entscheidend, dass wir eine so starke Einheit sind. Aber es ist natürlich auch nicht schlecht, jemanden mit einer so herausragenden Leistung wie Leonov dabei zu haben", erklärt der Trainer gegenüber FIFA.com. "Er war wirklich der beste Spieler des Turniers."

Viele Tore - aber nicht genug
Von den drei großen individuellen Auszeichnungen gingen mit dem Goldenen Ball von adidas, den Ilya Leonov erhielt, und dem Goldenen Handschuh von adidas, der an Andrey Bukhlitskiy ging, zwei Trophäen an russische Spieler. Die dritte Auszeichnung sicherte sich allerdings ein Brasilianer: André. Er wurde mit 14 Treffern bester Torschütze des Turniers und erhielt dafür die Auszeichnung adidas Goldener Torschütze. Sechs dieser Treffer markierte André im Finale gegen die Russen, vier davon im dritten Drittel. Allerdings konnte er sich über die Trophäe nicht besonders freuen.

"Natürlich ist es gut, in entscheidenden Augenblicken Tore zu erzielen. Aber sie fielen zu spät, und was uns wirklich interessierte konnten wir nicht mehr erreichen", erklärt André kurz nach seiner zweiten furiosen Torvorstellung in diesem Turnier frustriert. Zuvor hatte der Spieler mit der Trikotnummer neun im Viertelfinale gegen Nigeria bereits fünf Treffer erzielt und damit einen entscheidenden Beitrag zum 10:8-Sieg seines Teams geleistet. Seine zahlreichen wertvollen Beitrage brachten ihm noch eine weitere Auszeichnung ein. Als zweitbester Spieler des Turniers erhielt er den Silbernen Ball von adidas. "Ich darf gar nicht daran denken", erklärt der Angreifer mit einer Trophäe in jeder Hand. "Bei den vier vorherigen Weltmeisterschaften habe ich keine einzige individuelle Auszeichnung erhalten, aber ich bin als Weltmeister nach Hause gefahren. Das wäre mir auch dieses Mal lieber gewesen."