Der ehemalige deutsche Tennisprofi Boris Becker blickt auf eine sehr erfolgreiche Laufbahn zurück. Unvergessen ist sein erster Sieg beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon im Jahr 1985. Damals war er gerade einmal 17 Jahre alt. Damit ist Becker bis heute der jüngste Gewinner des wohl bedeutendsten Wettbewerbs im Tennis.

Im Verlauf seiner Karriere ließ der mittlerweile 45-Jährige fünf weitere Grand-Slam-Titel folgen, gewann 1992 mit seinem Doppelpartner Michael Stich die Olympische Goldmedaille in Barcelona und triumphierte insgesamt bei drei ATP-Weltmeisterschaften.

FIFA.com sprach exklusiv mit Becker, der im Juni 1999 seine aktive Laufbahn beendete, über seine Liebe zum Fussball, die drei Kandidaten für den FIFA Ballon d'Or, die Aushängeschilder der DFB-Elf und die besten Trainer des Jahres 2012.

Boris, Sie sind bekanntermaßen ein großer Fussball-Fan. Was bedeutet Ihnen als ehemaligem Tennis-Star dieser Sport?
Ich denke, dass Fussball die populärste Sportart der Welt ist, und das sage ich bewusst als ehemaliger Tennisprofi. Ich war schon als kleiner Junge Fan des runden Leders. Anfang der 70er Jahre ist auch meine Liebe zu Bayern München entstanden, die bis heute Bestand hat. Außerdem war ich bei zahlreichen WM-, EM- und Champions-League-Endspielen und habe den Fussball aus nächster Nähe kennengelernt.

Sie haben Ihre Liebe zu Bayern München bereits erwähnt. Was macht den Verein so speziell?
Damals waren es Spieler wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier und Paul Breitner, die nicht nur das Geschehen in der Bundesliga kontrolliert haben, sondern auch Stützen der deutschen Nationalmannschaft waren. Zudem war ich bis vor zwei Jahren noch im Verwaltungsbeirat des FC Bayern. Es verbindet mich eine lange Geschichte mit diesem Verein. Doch auch in London gibt es einen Klub, der mir ans Herz gewachsen ist: der FC Chelsea. Frank Lampard, John Terry und vor allem Didier Drogba zähle ich zu meinen guten Freunden. Umso schwerer war es für mich, das Champions-League-Finale zu schauen.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren eine sehr gute Entwicklung durchgemacht. Wie bewerten Sie die Arbeit von Trainer Joachim Löw?
Joachim Löw leistet seit Jahren eine fantastische Arbeit mit seinen Assistenten. Doch für den neuen Boom in der Nationalmannschaft sind noch weitere Personen verantwortlich: Jürgen Klinsmann, Matthias Sammer und Löw haben das Projekt gemeinsam begonnen und die nötigen Strukturen geschaffen. An dieser Stelle muss ich auch dem Deutschen Fussball-Bund gratulieren, der zum damaligen Zeitpunkt relativ jungen Männern die Entscheidungsfreiheiten gegeben hat, die sich nun auszahlen. Deutschland stellt neben Spanien die beste Nationalmannschaft der Welt, und dies ist ein Verdienst dieser Herren.

Leider hat es bislang für keinen Titel gereicht. Wie schätzen Sie die Chancen für die FIFA WM 2014™ ein?
Das ist natürlich ein wunder Punkt, aber als ehemaliger Leistungssportler weiß ich nur zu gut, dass die Tagesform entscheidend ist. Zudem gehört immer ein Quäntchen Glück zum totalen Erfolg dazu. Bislang war dies leider noch nicht der Fall, aber das bedeutet nicht, dass die Arbeit und die Leistung der Verantwortlichen schlecht war. Ein Titel fehlt in der Tat, um das gute Bild des Teams abzurunden. Ich bin der festen Überzeugung, dass die WM 2014 genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, da unsere Leistungsträger noch erfahrener und konzentrierter in dieses Turnier gehen werden.

Spanien dominiert seit einigen Jahren das Geschehen bei Europa- und Weltmeisterschaften. Was kann man vom spanischen Fussball lernen?
Ich denke, gar nicht mehr so viel. Spanien musste lange Zeit auf seinen ersten Titel warten, und jetzt ist der Knoten bei der Mannschaft geplatzt. Das liegt auch daran, dass man den verantwortlichen Personen die nötige Zeit gegeben hat. Wir haben bereits viel umgesetzt in den vergangenen Jahren. Aus der deutschen Nationalmannschaft ist eine tolle Multi-Kulti-Truppe geworden, mit Spielern wie Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski oder Miroslav Klose. Das spricht für unsere Weltoffenheit. Daran erkennt man auch, dass der Sport die Kraft hat, die Welt zu verändern. Das geschieht aufgrund der Ursprünglichkeit und Leichtigkeit, mit denen Kinder an den Fussball oder Tennis herangeführt werden. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Religion sie angehören oder welche Hautfarbe sie haben.

Mit Manuel Neuer und Mesut Özil haben trotzdem zwei Deutsche den Sprung unter die besten 23 Spieler zur Wahl zum FIFA Weltfussballer des Jahres geschafft. Wie bewerten Sie die Leistungen der beiden Akteure auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene?
Ich kenne Manuel Neuer besser als Mesut Özil, bin aber Fan von beiden Spielern. Neuer ist in meinen Augen der beste Torwart der Welt, und ich gehe davon aus, dass er in den kommenden Jahren noch stärker wird. Keeper erleben ja erst in ihren 30ern die Blütezeit ihrer Karriere. Er kann langfristig gesehen Welt- und Europameisterschaften sowie die Champions League gewinnen. Bei Mesut Özil ist es etwas schwieriger, weil es auf seiner Position so viele gute Spieler gibt. Er kann allerdings an einem guten Tag ein Spiel alleine entscheiden, weil er die Fähigkeit hat, den goldenen Pass zu spielen. Das hat er sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Real Madrid bewiesen. Das spricht für seine Stärke und seine fantastischen fussballerischen Voraussetzungen.

Andrés Iniesta, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo: Wer ist in Ihren Augen der große Favorit auf den Gewinn des FIFA Ballon d’Or? Und warum?
Ganz klar: Andrés Iniesta. Er ist meine Nummer eins. In einem Verein wie dem FC Barcelona erfolgreich zu spielen und Titel zu gewinnen, ist nicht ganz so schwer, aber in der Nationalmannschaft sieht man die wahre Klasse eines Spielers. Das war schon bei Akteuren wie Pelé, Diego Maradona und Zinédine Zidane so. Iniesta hat mit Spanien bewiesen, dass er zu den größten Fussballern aller Zeiten gehört, deshalb halte ich ihn für besser als Messi oder Ronaldo. Denn obgleich die Torquoten dieser Spieler im Verein fantastisch sind, so haben beide mit Argentinien beziehungsweise Portugal noch keinen Titel gewonnen.

Und wer sollte die Auszeichnung für den Trainer des Jahres gewinnen? Zur Auswahl stehen Vicente Del Bosque (Spanien), José Mourinho (Real Madrid) und Pep Guardiola (ehemals FC Barcelona).
Pep Guardiola und José Mourinho sind beide sagenhafte Trainer, aber sie haben in diesem Jahr nicht die Champions League gewonnen. Deshalb würde meine Stimme an Vicente Del Bosque gehen, der mit Spanien Europameister geworden ist und zuvor schon die WM geholt hat.

Mit Jürgen Klopp, Joachim Löw und Jupp Heynckes waren bei dieser Wahl gleich drei deutsche Trainer unter den besten zehn Coaches vertreten. Wer ist in Ihren Augen der beste deutsche Trainer?
Das sind drei verschiedene Trainer-Generationen. Jupp Heynckes ist bereits im Herbst seiner Karriere, findet aber immer noch die richtige Ansprache an seine jungen Spieler. Das ist bemerkenswert. Außerdem versteht er es, eine Mannschaft zusammen zu stellen, die in der vergangenen Saison die Champions League hätte gewinnen müssen. Auch in diesem Jahr haben die Bayern in der Bundesliga keine Konkurrenz und sind in der Königsklasse noch dabei. Jürgen Klopp ist in meinen Augen die Trainer-Entdeckung der letzten drei Jahre. Die Art und Weise, wie er Fussball spielen lässt, ist faszinierend, und seine sympathische und glaubhafte Ausstrahlung ist sagenhaft. Mein Favorit ist jedoch Joachim Löw, der seit sechs Jahren mit seinem Team eine tolle Mannschaft zusammenstellt, die der Stolz einer ganzen Nation ist. Er hat die schwierigste Aufgabe, denn ihm sitzen bei jedem Spiel 82 Millionen Bundestrainer im Nacken. Trotzdem präsentiert er sich sehr sympathisch und ist auch privat ein sehr integrer Mensch.