Es gibt wohl kaum einen Zweifel daran, dass Marta zu den talentiertesten und brillantesten Spielerinnen der Welt zählt. Wer sie einmal spielen sieht, dem wird dies sofort klar. In letzter Zeit war es jedoch nicht leicht für sie. Mit der brasilianischen Seleção bewegte sie sich nicht mehr im elitären Kreis der besten Teams des Globus.

Nach dem Ausscheiden im Viertelfinale des Olympischen Fussballturniers 2012 gegen Weltmeister Japan brach Marta in Tränen aus und rief ihr Land dazu auf, über den Status des Frauenfussballs nachzudenken, deren wichtigste Vertreterin sie ist.

Im Exklusiv-Gespräch mit FIFA.com über die individuellen Auszeichnungen im Männer- und Frauenfussball räumte die Star-Spielerin ein, diese Niederlage sowie auch die Viertelfinal-Niederlage gegen die USA bei der FIFA Frauen-WM 2011 noch immer nicht verdaut zu haben: "In meinem Hinterkopf läuft immer noch ein Film von diesen Spielen ab."

Marta, wie bewerten Sie das Jahr 2012 für sich?
Ich finde, das Jahr 2012 hätte besser laufen können. Schließlich arbeite ich darauf hin, so viele Titel wie möglich zu holen, auch wenn ich weiß, dass das nicht immer möglich ist.

Waren Sie frustriert über die jüngsten Ergebnisse der Seleção? Glauben Sie, dass dadurch letztendlich auch Ihre Aussichten auf individuelle Auszeichnungen beeinträchtigt werden?
Ich glaube, niemand ist glücklich über die letzten Ergebnisse. Wir haben viel Qualität in der Mannschaft und müssen sie besser nutzen. Wenn die Ergebnisse der Mannschaft nicht stimmen, haben alle Nachteile davon. Und natürlich ist auch jede Einzelne betroffen.

Es wurde viel über die Notwendigkeit von Änderungen in der brasilianischen Auswahl geredet. Was wäre für Sie der erste Schritt?
Ich glaube, im ersten Schritt muss es darum gehen, unseren Spielplan besser zu organisieren. In dieser Hinsicht verlieren wir gegenüber vielen Ländern an Boden: Sie sind uns schon seit einiger Zeit einen Schritt voraus. Der Sportart muss einfach eine höhere Priorität eingeräumt werden.

Kommen wir noch einmal auf die Ergebnisse der Seleção zu sprechen, beispielsweise auf die Niederlagen gegen die USA 2011 in Deutschland und gegen Japan 2012 in London. Sind das Einzelfälle, die eher zufällig zustande kamen? Oder steht Brasilien heute wirklich eine Stufe unter den großen Teams der Welt?
In meinem Hinterkopf laufen die Spiele gegen die Amerikanerinnen und gegen Japan noch immer wie ein Film ab. Ich glaube, wir hätten es besser machen können. Wir müssen lernen, solche Spiele zu bestreiten und in allen Partien 100 Prozent Einsatz zu bringen. Wir wissen, dass wir in den letzten Jahren die Chance nicht genutzt haben, uns in der Rangliste unter den besten Mannschaften zu etablieren, aber wir sind durchaus in der Lage, wieder auf die ersten Plätze zurückzukehren.

Ist die brasilianische Seleção mittlerweile zu sehr von talentierten Einzelspielerinnen abhängig?
Nein, das glaube ich nicht. Aber ich glaube, wenn Brasilien zu den besten Fussballnationen der Welt gehören will, müssen wir vor allem an einem starken Kollektiv arbeiten. Natürlich darf man die Fähigkeiten der einzelnen Spielerinnen nicht außer Acht lassen, aber ich glaube, wenn wir gut im Kollektiv arbeiten, dann läuft es bei den Einzelspielerinnen automatisch gut.

Wenn Sie selbst an der Wahl zur FIFA Weltfussballerin teilnehmen würden, für wen würden Sie stimmen? Und bei der Auszeichnung zum Trainer bzw. zur Trainerin des Jahres im Frauenfussball?
Bei der Wahl zur besten Spielerin des Jahres würde ich für die Kanadierin Christine Sinclair stimmen. Und als beste Trainerin des Frauenfussballs würde ich Pia Sundhage wählen.

Gab es 2012 eine Spielerin, die Sie überrascht hat? Jemanden, der eine ganz deutliche Leistungssteigerung zu verzeichnen hatte?
Mir gefällt Sinclair sehr gut. Ich hatte schon die Gelegenheit, mit ihr in einer Mannschaft zu spielen, und sie war immer herausragend. Aber dieses Jahr war sie für mich diejenige, die den entscheidenden Impuls dazu gegeben hat, dass Kanada bei Olympia die Bronzemedaille holen konnte.

Und im Männerfussball? Welchen Spieler und Trainer würden Sie wählen?
Messi ist noch immer der Beste der Welt. Von den Trainern im Männerfussball gefällt mir Sir Alex Ferguson besonders gut.

Kommen wir noch zum Puskás-Preis der FIFA. Haben Sie die zehn Tore gesehen, und haben Sie ein Lieblingstor?
Am besten gefällt mir das Tor von Mealla aus Bolivien: Das ist einfach etwas anderes, so ein Tor bekommt man nicht häufig zu sehen.

Die FIFA-Kampagne 'Live your goals' ermuntert junge Mädchen, ihre Träume auszuleben, indem sie Fussball spielen. Mit welchen Worten würden Sie Mädchen zum Fussballspielen motivieren?
'Live Your Goals' ist sehr inspirierend. Ich persönlich wäre bei dieser wundervollen Kampagne gerne noch mehr involviert. Leider gibt es in der Fussballwelt viele Mädchen, die es schwer haben, ihre Träume auszuleben - so wie ich in meiner gesamten Kindheit. Deshalb ist mein Ratschlag: Je mehr Du den Fussball liebst, desto enthusiastischer, leidenschaftlicher und motivierter musst Du sein, um die Herausforderungen zu meistern und sowohl auf professioneller als auch auf akademischer Ebene Deinen Traum auszuleben! Gebe niemals auf!