Andriy Schevchenko ist ein klingender Name in der Welt des Fussballs - was man vom 1986 verstorbenen Hermann Gmeiner nicht behaupten kann. Trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen den Beiden: eine außergewöhnliche Initiative, die bei jeder FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ besondere Aufmerksamkeit erhält.
Der ukrainische Ausnahmefussballer Schevchenko, früher bei Dynamo Kiew und AC Milan und aktuell bei Chelsea, führte seine Nationalmannschaft bei der letzten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ™ bis ins Viertelfinale und sorgte damit bei den Fans in seinem Heimatland für riesige Begeisterung.
Doch Schevchenko ist selbst auch ein grosser Fan - und zwar des Lebenswerks des österreichischen Philanthropen Hermann Gmeiner.
Dessen wegweisendes Engagement begann 1947 und damit fast 30 Jahre vor Schevchenkos Geburt. In jenem Jahr begegnete Gmeiner zufällig ein zwölfjähriger Knabe, der im Zweiten Weltkrieg seine Eltern verloren hatte.
Das Schicksal des Jungen berührte Gmeiner tief. In der Folge begann er, sich für das Wohl von Kriegswaisen einzusetzen, gründete 1949 ein Hilfswerk für Waisenkinder und initiierte den Bau des ersten SOS-Kinderdorfs in Imst bei Innsbruck. Mittlerweile bieten unter dem Dach der Organisation "SOS-Kinderdorf International" weltweit rund 1800 solcher Dörfer in über 130 Ländern und Gebieten elternlosen und benachteiligten Kindern ein neues Zuhause.
Die FIFA ernannte SOS-Kinderdorf 1995 zum WM-Partner und unterstützte im Rahmen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ die Spendenkampagne "6 Dörfer für 2006", die über 20 Millionen Euro für den Bau von sechs neuen Kinderdörfern in der Ukraine, Brasilien, Mexiko, Nigeria, Südafrika und Vietnam einbrachte.
Das Fernsehen zeigt uns fast täglich Bilder des tragischen Schicksals von Millionen von Männern, Frauen und Kindern in allen Regionen der Welt. Die Ursachen für dieses Elend sind vielfältig, von Vertreibungen durch Kriege über die Folgen von Naturkatastrophen bis zu HIV/Aids-Epidemien und den Geißeln der Armut und des Hungers.
Die SOS-Kinderdörfer haben es sich zur Aufgabe gemacht, in Not geratenen Kindern zu helfen. Dazu gehört nicht nur ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen und die Geborgenheit eines Familienlebens, sondern auch der Zugang zu Bildung und Freizeitaktivitäten.
Standort eines der jüngsten Projekte ist die ukrainische Stadt Brovary. "Ich hörte vor vier oder fünf Jahren erstmals von dieser Idee", erinnert sich Andriy Schevchenko, "und ich war sofort begeistert. Die Betreuung von Waisenkindern ist ein großes Problem, und das wahrscheinlich nicht nur in der Ukraine.
Diese Kinder erhalten oft nicht die Aufmerksamkeit, die sie brauchen. Das Kinderdorf gibt ihnen die Chance, wie in einer richtigen Familie aufzuwachsen. Hier werden sie sich mehr wie in einem echten Zuhause fühlen als in einem traditionellen, streng geführten Waisenhaus mit riesigen Schlafräumen.
Das Kinderdorf ist ein viel besseres Umfeld für die persönliche Entwicklung, die Schul- und Berufsausbildung und die Sicherheit der Kinder."
Im Rahmen der "6 Dörfer für 2006"-Kampagne sollen in Brovary insgesamt 14 Familienhäuser gebaut werden. In jedem Haus werden die Kinder von einer Pflegemutter betreut werden. Eine von ihnen ist Oxana, die sich zurzeit in einer kleinen Wohnung in einem grauen Hochhaus in Kiew um fünf Waisen kümmert und es kaum erwarten kann, mit ihren Schützlingen bald ins neue Kinderdorf einzuziehen.
Oxana stellt ihre "Familie" vor: "Die zehnjährige Lera konnte nicht zur Schule gehen, weil sie auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen musste - das Gelernte kann sie jetzt immerhin bei ihren neuen Brüdern und Schwestern anwenden; die sechsjährige Galya ist lebhaft und neugierig, Artem hingegen eher ruhig und schüchtern; der dreijährige Bogdan ist ein quirliges Kerlchen und macht gerne Unsinn; und schliesslich das Nesthäkchen, der 18 Monate alte Svyatoslav, der wahrscheinlich von seiner Mutter ausgesetzt wurde und an gesundheitlichen Problemen leidet."
Diese Kinder, die in ihrem kurzen Leben schon oft unter Hunger und Einsamkeit leiden mussten, in ein stabiles und sicheres Umfeld zu integrieren ist keine leichte Aufgabe, weiss Oxana: "Aber sie sind wirklich bezaubernd, und mit viel Liebe, Zuneigung und Verständnis lässt sich mit der Zeit ihr Vertrauen gewinnen. Sie freuen sich alle sehr auf ihr neues Zuhause im Kinderdorf."
Dieselbe Philosophie wird auch in einem ganz anderen Teil der Welt verfolgt, und zwar in Vietnam. In diesem asiatischen Land gibt es bereits zehn SOS-Kinderdörfer; ein weiteres, das Platz für 120 Kinder bieten wird, entsteht zurzeit in Dong Hoi.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wichtig das Engagement der SOS-Kinderdörfer ist, liefert die Erzählung einer älteren Frau: "Ich habe neun Enkelkinder, deren Eltern alle nicht mehr am Leben sind. Eine der Mütter bat mich vor ihrem Tod, für die Kinder zu sorgen und sie unter keinen Umständen wegzugeben.
Aufgrund meines Alters und meiner finanziellen Situation war ich aber nicht in der Lage, die Kinder aufzuziehen. Ich lernte dann die Leute vom SOS-Kinderdorf kennen, und mir wurde klar, dass es meine Enkel hier gut haben würden.
Anfangs hatte ich noch Zweifel, aber heute weiß ich, dass ich richtig entschieden habe. Die Kinder sind gesund, können zur Schule gehen und haben ein besseres Leben, als ich es je hatte. Sie haben eine lange und aussichtsreiche Zukunft vor sich."
Die Philosophie der SOS-Kinderdörfer und deren praktische Umsetzung beruht auf vier Elementen: der Betreuung durch eine Pflegemutter, der familiären Atmosphäre in einem eigenen Haus, dem Zusammenleben mit Geschwistern sowie der gegenseitigen Unterstützung innerhalb einer aktiven Dorfgemeinschaft.
Wenn die Verantwortlichen eines Dorfs von Kindern erfahren, die in Not geraten sind - sei es durch Stürme oder Überschwemmungen, zu denen es in Vietnam oft kommt, oder durch Schicksalsschläge wie schwere Erkrankungen oder Verkehrsunfälle ihrer Eltern -, werden entsprechende Abklärungen vorgenommen. Sollte es sich als nötig erweisen, werden die Kinder in das Dorf gebracht und in eine Familie aufgenommen.
Das neue SOS-Kinderdorf in Dong Hoi, wo 120 Kinder ein neues Zuhause finden werden, wird die elfte derartige Einrichtung in Vietnam sein.
Sowohl in der Ukraine als auch in Vietnam legen die SOS-Kinderdörfer großen Wert auf die persönliche Entwicklung der Kinder. Lena Gavrilina, Sozialarbeiterin in Brovary, hat zuvor in einem staatlich geführten Waisenhaus gearbeitet und kennt daher die Unterschiede zwischen solchen traditionellen Institutionen und dem Kinderdorf aus eigener Erfahrung.
"Im Waisenhaus wurde zwar darüber geredet, die Betreuung der Kinder zu verbessern, aber tatsächlich getan wurde wenig", erklärt sie. "Im SOS-Kinderdorf hingegen beruht das gesamte Betreuungskonzept darauf, den Kindern das bestmögliche Umfeld für ihre persönliche Entwicklung zu bieten.
Ich bin den Menschen auf der ganzen Welt, die solche Einrichtungen finanziell unterstützen, unendlich dankbar."
Brovary ist auch ein gutes Beispiel für die enge Zusammenarbeit der SOS-Kinderdörfer mit anderen sozialen sowie staatlichen und internationalen Organisationen, sind doch an diesem Projekt neben lokalen Behörden auch die britische Wohltätigkeitsorganisation Everychild und TASIS, das Bildungsprogramm der Europäischen Union, beteiligt.
Für Ludmila Shostopal, stellvertretende Leiterin der lokalen Behörde in Brovary, ist klar: "Es gibt nichts, das für die Entwicklung eines Kindes wichtiger ist, als eine Familie zu haben."
Mit dieser Aussage wäre sicher auch Hermann Gmeiner einverstanden gewesen. Der österreichische Philanthrop, der mit wenig Geld, aber viel Herzblut ein wegweisendes Projekt lancierte, starb 1986 in Innsbruck und wurde auf dem Gelände des ersten SOS-Kinderdorfs in Imst begraben - doch seine Ideen und Ideale leben weiter ...

