Arsa ist 28 Jahre alt und Fussball ist seine große Leidenschaft. Es gibt Millionen wie ihn, überall auf der Welt. Aber Arsas Leidenschaft für den Fussball wird von einer Tragödie überschattet, denn vor drei Jahren starben fast alle seine Mannschaftskameraden in der kleinen Provinz Aceh Besar in Banda Aceh bei der Tsunami-Katastrophe.
Es überrascht nicht, dass Arsa sich noch sehr genau an den Tag erinnert, als die Flutwelle seine am Meer gelegene Stadt und seine Mitspieler erreichte. "Ich ging damals etwas früher nach Hause, aber meine übrigen Freunde blieben noch am Strand, um dort ein Nickerchen zu machen. Wir wurden alle durch das Erdbeben wach. Der Boden erzitterte. Da ich 500 Meter vom Meer entfernt war, überlebte ich. Ich rannte hinauf in die Hügel, auf höher gelegenes Gelände."
Nachdenklich blickt er hinaus auf das Meer, auf den Spiegel der türkisfarbenen Wasseroberfläche. "Die Welle ... hat damals alles mit sich fortgerissen, auch meine Freunde. Man rannte in alle möglichen Richtungen, aber wenn man zu nah am Meer war, hatte man keine Chance."
Der Anblick danach war furchtbar. "Der Strand war mit allen möglichen Dingen übersät. Telefonmasten, Motorräder, ganze Betonblocks aus Häusern, Autos. Die gesamte Küstenlinie versank im Chaos. Es war entsetzlich." Arsa spricht nicht von den Leichen, doch im Meer schwammen auch zahllose Tote, unter ihnen Arsas Freunde und Mannschaftskameraden.
Arsas Verein verlor an diesem furchtbaren Morgen im Dezember 30 Mitglieder. Nur zwei Spieler überlebten das furchtbare Ereignis. Das Ende von Club Carlos schien besiegelt, einem zuvor blühenden Verein der zweiten Division in der indonesischen Liga.
Damals bedeutete natürlich der Verlust einer Fussballmannschaft nichts im Vergleich zu den verheerenden Auswirkungen für den gesamten pazifischen Raum. Die Flutwelle tötete eine unfassbar große Zahl von Indonesiern: 132.000 wurden offiziell für tot erklärt, weitere 37.000 gelten bis heute als vermisst.
Auch andere Küstenregionen wurden von der Flutwelle schwer getroffen, etwa Thailand, die Malediven, Indien, Sri Lanka. Fachleute gehen heute davon aus, dass insgesamt fast eine Viertelmillion Menschen ums Leben kamen.
Es war jedoch nicht nur der Verlust an Menschenleben, der die Auswirkungen des Tsunami so verheerend machte. Ganze Wirtschaftszweige wurden ruiniert, Fischer verloren ihre Boote, Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, Tausende wurden verletzt oder verloren ihre Ernährer, Krankheiten und Epidemien legten ehemals blühende Städte lahm, Reisfelder wurden vergiftet, Gleise verbogen, Waisenkinder irrten durch verwüstete Straßen.
Angesichts dieser Not und dieses Elends wäre jeder Gedanke an Fussball, jedes Gespräch darüber, ein schlechter Witz gewesen. Doch gerade der Fussball spielte eine entscheidende Rolle, als es um den Wiederaufbau dieser verwüsteten Gemeinde in Aceh ging.
Arsas Freund Adex Yunardi ist der einzige andere Spieler des Club Carlos, der den Tsunami überlebte. Der 23-Jährige erzählt, was nach der Flutkatastrophe geschah: "Nach dem Tsunami bin ich nach Bandung auf West-Java gegangen, um dort Arbeit zu finden. Aber es war unmöglich. Es gab so viele Leute, die durch die Katastrophe ihre Heimat verloren hatten. Es ging ihnen ebenso wie mir. Dann hörte ich, dass die FIFA den Platz, auf dem Club Carlos früher spielte, wieder instandsetzte. Mehr noch, man wollte jetzt einen richtigen Fussballplatz daraus machen."
Adex kehrte zurück und stellte erfreut fest, dass man ihm die Wahrheit berichtet hatte. Im Rahmen eines internationalen Hilfsprojektes nach dem Tsunami versuchte die FIFA, den kleinen Verein aus Aceh wieder aufzubauen: als Quelle und Symbol der Hoffnung. Die Wiederaufbauarbeiten gestalteten sich jedoch alles andere als einfach.
"Der Platz war mit allem möglichen Wrackteilen übersät. Die mussten zunächst einmal alle entfernt werden. Es hat sehr lange gedauert." Schließlich wurde der zerstörte Platz wieder vollkommen instandgesetzt. Insgesamt investierte die FIFA 3,5 Millionen Dollar in neue Sitzgelegenheiten, neue Tore, eine Ziegelmauer und viel, viel neuen grünen Rasen.
"Es ist kein Super-Stadion", sagt Adex, "aber es ist besser als alles, was wir zuvor hatten. Jetzt werden die Leute von überall her kommen, um auf unserem Platz zu spielen, selbst wenn sie keine Fussballschuhe haben sollten - sie können nun barfuß spielen!"
Mittlerweile ist das Stadion immer voller Spieler und es finden zahlreiche Partien gegen andere Teams aus der Umgebung statt, sogar Profi-Teams aus der indonesischen Liga kommen. Dem Verein ist es auch gelungen, seinen ehemaligen Trainer Zamzani wieder zurückzuholen, der aus Verzweiflung über die Folgen des Tsunamis die Gemeinde bereits verlassen hatte.
"Dem Fussball gehört mein Herz", erklärt der 40-jährige Zamzami. "Ich war so aufgeregt, als ich zurückkehrte und Leute auf dem Platz spielen sah, auf dem Club Carlos früher trainierte. Ich habe also beschlossen, eigenes Geld in den Wiederaufbau der Mannschaft und des Vereins zu stecken." Die Rückkehr eines professionellen Trainers wie Zamzami hat für neues Selbstvertrauen beim arg gebeutelten Club Carlos gesorgt.
Diese Geschichte mag ans Herz gehen, wird jedoch vielleicht noch von einem weiteren, eng mit dem Fussball verwobenen Schicksal in Banda Aceh übertroffen.
Einige Wochen nach der Katastrophe sah Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari einen erschütternden Bericht des Sky-TV-Journalisten Ian Dovaston. Dieser erzählt von einem siebenjährigen Jungen aus Aceh namens Martunis, der 19 Tage allein überlebt hatte, nachdem ihn die Flutwelle über eine Meile von seinem Zuhause fortgerissen hatte.
Fast drei Wochen lang überlebte der Kleine dadurch, dass er Beeren und trockene Nudeln aß und aus Regenpfützen trank. Während dieser ganzen furchtbaren Zeit trug er ein portugiesisches Nationalmannschaftstrikot mit der Nr. 7. Als Martunis gerettet wurde, war er von Moskitostichen übersät und völlig ausgezehrt. Seine Leidensgeschichte sollte jedoch noch nicht zu Ende sein. Als ihn die Fernseh-Crew zu seinem früheren Haus brachte, musste Martunis feststellen, dass seine Mutter und seine Brüder in den Wellen umgekommen waren.
Scolari, den diese Tragödie erschütterte und der bewegt war, weil der Junge das portugiesische Trikot getragen hatte, ließ den kleinen Martunis und seinen Vater Sarbini nach Europa fliegen, um einige WM-Spiele zu besuchen. Sarbini beschrieb dies damals so: "Es war eine unglaubliche Sache für mich. Vor dem Tsunami war es schon ein Luxus für uns gewesen, bis Jakarta zu kommen. Der einzige Ort, an den ich zuvor gereist war, war Medan in Nord-Sumatra. Dann bekamen wir auf einmal die Gelegenheit, nach Europa zu fliegen."
Doch das sollte nicht das einzige sein, was für die Not leidende Familie unternommen wurde. Der portugiesische Verband schickte Geld, um Sarbinis Haus neu aufbauen zu lassen. 70.000 Dollar haben der Familie mittlerweile wieder auf die Füße geholfen.
Dank Scolari hat Martunis einige der ganz Großen im Profifussball kennengelernt. Mit glänzenden Augen erinnert sich der Junge noch an den Tag, als er neben Rui Costa saß. Und an den Besuch von Cristiano Ronaldo, den berühmten Stürmer der portugiesischen Nationalelf und von Manchester United, der einen Zwischenstopp in Banda Aceh einlegte auf dem Weg zu seinen Mannschaftskameraden, die mit Manchester United sechs Monate nach dem Tsunami durch den Fernen Osten tourten. Für Martunis war das ein besonderes Erlebnis, denn wie so viele in Asien ist er ein großer Manchester United-Fan: "Ich mag die Red Devils wirklich sehr. Deswegen war es toll, Ronaldo zu treffen."
Auch für den Spieler war es ein bewegendes Treffen. "Wir haben uns mit Gebärden und mit Hilfe eines Dolmetschers verständigt", erzählt Ronaldo. "Er war so schüchtern, dass er kaum etwas gesagt hat. Ich habe ihm mein Handy gezeigt. Er hatte bis dahin noch nie eines gesehen und mich sofort um meine Nummer gefragt. Dann haben wir mit meiner Playstation gespielt. Als ich meinen Rechner gestartet habe und ihm einige Bilder von mir und auch Videospiele zeigte, leuchteten seine Augen vor Freunde, denn er hatte noch nie so viele neue Dinge auf einmal gesehen. Er ist ein sehr tapferer, ganz besonderer Junge, der Dinge durchgemacht hat, die viele Erwachsene nicht überlebt hätten."
Trotz all der guten Nachrichten ist das Leben in Banda Aceh immer noch hart. Milliarden von Dollar an Hilfsmitteln sind in die regionale Wirtschaft investiert worden, doch immer noch leben einige in improvisierten Hütten. Der Tsunami war so verheerend, dass es eine ganze Generation dauern kann, bis die Region vollständig wiederhergestellt ist. Die schrecklichen Ereignisse werden jedoch niemals vergessen werden.
Die Wunden heilen langsam, aber sicher. Während die lachenden Spieler vom Club Carlos einen Ball über ihren neuen Platz treiben und die Sonne zwischen den grünen Palmen im Hintergrund langsam untergeht, gewinnt man die Überzeugung, dass der Fussball tatsächlich eine kleine, aber wichtige Rolle bei der Gesundung dieser Menschen gespielt hat.

