Normalerweise wird am Ufer der Cehotina in Foca in Bosnien-Herzegowina Basketball gespielt, doch während einer Woche im Mai regierte hier für einmal der Fussball. Anlass war das erste europäische Straßenfussballfestival, zu dem die Belgrader Stiftung Football Friends und der FIFA-Partner streetfootballworld zusammen mit der Europäischen Kommission und der FIFA-Bewegung Football for Hope 24 Teams aus ganz Europa eingeladen hatten.
Bis vor knapp 20 Jahren gaben sich in Foca Jahr für Jahr die besten Junioren aus ganz Jugoslawien die Ehre. Mehrere Spieler der sogenannten "goldenen Generation", die 1987 bei der FIFA Junioren-Weltmeisterschaft in Chile den Titel holte, zeigten hier erstmals ihr Können, bis der Ausbruch des Bosnienkriegs im Jahr 1992 dieser Tradition ein Ende setzte.
2005, zehn Jahre nach Kriegsende, nahm die Stiftung Football Friends die Tradition wieder auf und organisierte mit Teams aller Volksgruppen Bosnien-Herzegowinas wiederum ein Juniorenturnier, das sich rasch etablierte und mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus auf große Resonanz stößt. So war dieses Jahr gar eine U-17-Auswahl der englischen Premier-League-Teams dabei, was die Zuschauer besonders freute. Der Sieg blieb indes in der Region. Buducnost aus dem benachbarten Montenegro setzte sich gegen die starke Konkurrenz von Red Star Belgrad, Groclin (Polen), Maribor (Slowenien), Zeljeznicar (Sarajewo), Rabotnicki (Skopje) und dem Gastgeber FC Sutjeska durch.
Neuer Kunstrasen
Im letzten Jahr fand parallel zur U-17-Konkurrenz erstmals ein Straßenfussballturnier statt, das den Ruf des Fussballs als Brückenbauer weiter stärkte. „Wir wollen Foca zu mehr Ansehen verhelfen und zeigen, dass Muslime, Serben und Europäer Freunde sein können", sagte Zoran Avramovic, der aus Foca stammt und heute sowohl die Stiftung Football Friends als auch die Sportmarketingagentur von Red Star Belgrad leitet. „Mit Foca 08 zeigen wir, dass der Fussball auch hier etwas bewirken kann, indem er den beteiligten Jugendlichen eine gemeinsame Grundlage bietet."
Mit der Unterstützung der Europäischen Kommission und der FIFA-Bewegung Football for Hope wurde dieses Jahr für das Turnier neben dem bestehenden Platz eigens ein neuer Kunstrasen verlegt. Am 22. Mai hieß es dann Bühne frei für das erste europäische Straßenfussballfestival, bei dem während vier Tagen je zwölf Achterteams aus dem Balkan und dem übrigen Europa im Einsatz standen. Die meisten vertraten Entwicklungsorganisationen, die sich mithilfe des Fussballs für soziale Ziele einsetzen.
Ebenfalls mit von der Partie waren die 18-jährigen Zwillinge Mladen und Milan Mandic - wenn auch nicht als Spieler, sondern als sogenannte Aufpasser. Als solche wachten sie über die Einhaltung des Fairplay-Gedankens, der für die Bewegung Football for Hope wesentlicher Bestandteil des Straßenfussballs ist und folgerichtig auch im Zentrum des Festivals stand. Vor jeder Begegnung handelten die beiden Teams untereinander Fairplay-Regeln aus. Ihnen zur Seite standen je zwei Aufpasser, jeweils ein deutscher und ein einheimischer Jugendlicher, die während des Spiels darauf achteten, dass die vereinbarten Regeln auch wirklich eingehalten wurden, und notfalls einschritten. Dies war immer dann nötig, wenn sich die Spieler untereinander nicht einigen konnten. Da ohne Schiedsrichter gespielt wurde, mussten die Spieler nämlich selbst Vergehen ahnden und etwaige Differenzen ausräumen. Nach der Partie wurde jeweils Bilanz gezogen. Gemeinsam erörterten die Teams, inwieweit die Fairplay-Regeln befolgt worden waren.
"Dieses Turnier in Foca ist außergewöhnlich. Es ist wichtig, ein Klima der Freundschaft und der Toleranz zu schaffen", betonte Milan, der das Festival zusammen mit seinem Zwillingsbruder in vollen Zügen genoss. Den beiden folgte übrigens auf Schritt und Tritt ein Kamerateam, das einen Dokumentarfilm über das Festival drehte.
Trauriger Abschied
Foca 08 hat in weiten Teilen Europas ein großes Echo ausgelöst. Auf Initiative von Rob Broomfield, dem Gründer der Organisation Dads Against Drugs aus Hull, die beim diesjährigen Festival mit einem eigenen Team angetreten war, wurde zwischen Hull und Foca eine Städtepartnerschaft besiegelt, die kein leeres Bekenntnis bleiben soll. Dafür bürgen Focas Bürgermeister Zdravko Krsmanovic, der bereits Foca 08 großzügig unterstützt hat, der Fussballklub Hull City, der in der abgelaufenen Saison in die englische Premier League aufgestiegen ist, und natürlich der Fussball, der die beiden Gemeinden zusammenführen und Freundschaften aufbauen soll. "Für das bisweilen isolierte Hull ist das eine großartige Geschichte. Wir freuen uns darauf, diese Partnerschaft mit Leben zu füllen", so Rob Broomfield.
Foca 08 war für alle Beteiligten ein einmaliges Erlebnis, seien es die Finalspiele am letzten Tag, die live kommentiert und auf Großleinwand übertragen wurden, oder die Freundschaftsspiele auf den angrenzenden Basketballfeldern, zu denen sich die ausgeschiedenen Teams spontan trafen. "Zu Beginn waren die Jugendlichen noch sehr zurückhaltend. Zu groß schienen die Sprachbarrieren. Doch nach einigem Zureden fassten sie all ihren Mut zusammen und gingen auf die anderen zu", erzählt Georgy Sole, der Delegationsleiter von Sports dans la Ville aus Lyon (Frankreich). "Und nun fällt allen der Abschied schwer." Ihnen allen bleiben aber schöne Erinnerungen an eine außergewöhnliche Reise, von der sie ihren Familien und Freunden zu Hause noch lange erzählen werden. Währenddessen geht die Arbeit für die beteiligten Organisationen weiter. Gemeinsam werden sie dafür sorgen, dass Foca 08 in ganz Europa eine Fortsetzung findet und diese beeindruckende Erfolgsgeschichte des Fussballs weitergeht.
Die 24 Teams
Teilnehmer an Foca 08: Football Friends (Foca), Banja Luka, Gorazde, Mostar, Sarajewo, Trebinje, Ustikolina, Zenica (allesamt Bosnien-Herzegowina), Fotbal pro Rozvoj (Prag, Tschechische Republik), Sports dans la Ville (Lyon, Frankreich), KICKFAIR (Stuttgart, Deutschland), Strassenfussball für Toleranz (Potsdam und Poznan, Deutschland und Polen), Oltalom Sports Association (Budapest, Ungarn), Sport Against Racism (Dublin, Republik Irland), Latvian Street Soccer Association (Riga, Lettland), Niksic (Montenegro), CAIS Association (Lissabon, Portugal), Football Friends (Kragujevac, Serbien), Balkan Friends (Skopje, EJR Mazedonien), Sokak Ligi (Istanbul, Türkei), Street League (London und Glasgow, England und Schottland), Dads Against Drugs (Hull, England) und Nacro (Liverpool, England).
