"Das ist mir noch nie passiert. Überall Kameras und Blitzlicht. Ich komme mir vor wie der Bundestrainer Joachim Löw." Als der deutsche Coach Klaus Stärk Ende Januar mit seiner afghanischen Frauenfussball-Nationalmannschaft in der Sportschule Ruit vor den Toren Stuttgarts ein Trainingslager aufschlug, schien er vorübergehend in eine andere Welt eingetaucht zu sein. Der Presserummel um die ungewöhnlichen Gäste war riesig. Doch nicht nur für Stärk waren diese zwölf Tage eine völlig neue Erfahrung.

18 junge Frauen hatten endlich einmal die Möglichkeit, täglich ganz unbeschwert und ohne Angst vor dem Terror dem Ball hinterherzujagen. "Wir sind hier, um zu zeigen, dass in Afghanistan Mädchenfussball normal sein sollte. Und wir wollen demonstrieren, dass es auch anders geht. Die Mädchen stehen zum Fussball und sie möchten in der Normalität leben", erklärt der 54 Jahre alte Stärk im Gespräch mit FIFA.com und fügt betonend hinzu: "Unser Trainingslager hier soll schließlich auch ein Symbol für den Frieden sein."

"Wir sind noch lange nicht fertig"
Zuhause sieht das Training anders aus. In Afghanistan spielt das Frauenfussball-Nationalteam nur mit erheblichem Risiko. "Es könnte jederzeit vorbei sein. Wir hoffen, dass die Taliban nicht auf die Idee kommen, unsere Aktivitäten unterbinden zu wollen", so Stärk, der diese Gefahr bei seiner Arbeit in Kabul bislang bewusst in Kauf genommen hat - "im Sinne der Sache", so sagt er. Natürlich könne man nur auf dem Gelände der internationalen Schutztruppe hinter verschlossenen Türen trainieren.

Stärk arbeitet mit dem größtmöglichen Idealismus und voller Enthusiasmus unter Bedingungen, die man sich nur schwer vorstellen kann. Doch er bleibt standhaft: "Wir sind hier noch lange nicht fertig. Die Fortschritte im strukturellen und sportlichen Bereich motivieren Tag für Tag. Es ist eine schöne Aufgabe. Und alleine schon der Blick in die Gesichter der Mädchen, wenn sie mit den Gedanken beim Spiel sind, dieses Funkeln in den Augen, das gibt alles zurück. Manchmal sehe ich einfach nur zu und bin selbst sprachlos. Dann muss ich schlucken. Diese Momente sind sehr bewegend", beschreibt er gegenüber FIFA.com. "Bei ihrem Besuch in Deutschland hat man gespürt, dass die Mädchen jede Minute genossen haben."

Struktureller und sportlicher Aufbau
Im nunmehr fünften Jahr arbeitet Stärk, der einer von etwa 30 Auslandstrainern des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) ist, am Projekt in Afghanistan. Gemeinsam mit seinem Partner Ali Asker Lali, einem gebürtigen Afghanen, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt, gelang ihm nicht nur die Entfachung von schier unglaublicher Begeisterung für den Frauenfussball am Hindukusch, sondern auch der Aufbau von Strukturen.

"Unsere Ziele sind ziemlich allgemein. Wir wollen ganz einfach den Fussball in Afghanistan aufbauen. Dazu gehören auch Dinge wie die Trainerausbildung und ein Passwesen. Etwa 2.000 Jugendliche haben wir schon dazu gebracht, Fussball zu spielen", erzählt Stärk mit einem Hauch von Stolz, und erwähnt zugleich, dass es seit drei Jahren auch eine afghanische Männer-Nationalmannschaft gibt. Doch neben der täglichen Büroarbeit im Verband legt Stärk vor allem auf eines Wert: "Wir dürfen die Breite nie aus dem Auge verlieren."

Der Traum von einem offiziellen Länderspiel
Sportlich gesehen arbeiten die afghanischen Mädchen zurzeit daran, die Umstellung vom Klein- auf das Großfeld zu meistern. Schließlich steht in Kabul nur ein kleiner Platz zur Verfügung, auf der das Spiel elf gegen elf nicht möglich ist. Auch dafür war das Trainingslager in der Sportschule Ruit von großem Wert. "Doch es ging um mehr als das. Es ging darum, den Mädchen die Möglichkeit zu geben, eine andere Kultur kennenzulernen. Und es ging auch darum, auf uns aufmerksam zu machen, ein Zeichen zu setzen. Dafür war der Presserummel schon auch wichtig", so Stärk, der zudem betont, der FIFA, dem deutschen Außenministerium, dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem DFB für die konstante Unterstützung zu danken.

"Ende des Jahres könnte meine Arbeit erst einmal beendet sein. Dann werden wir das Projekt vielleicht voll in die Hand des Verbandes vor Ort geben und nach zwei, drei Jahren wieder schauen, was passiert ist", sagt Stärk. Bis dahin hat er jedoch noch große Ziele. "Wir träumen davon, mit unseren Mädchen ein offizielles Länderspiel auszutragen." Vielleicht ja gegen Saudiarabien. Dort wurde kürzlich zwischen der Prinz-Mohammad-bin-Fahd-Universität und dem Al-Yamamah-College das erste Frauen-Fussballspiel in der Geschichte des Landes ausgetragen.