Es ist noch keine zwanzig Jahre her, da war Foca bekannt dafür, dass man dort die verheißungsvollsten Fussballstars Jugoslawiens zu Gesicht bekommen konnte. Eine ganze Reihe Spieler aus der "Goldenen Generation", die 1987 die FIFA Junioren-Weltmeisterschaft gewann, begann ihre Laufbahn in Foca, im dicht bewaldeten Südosten Bosniens. Wenn man jedoch heute im Internet nach dem Namen "Foca" sucht, stößt man mit großer Wahrscheinlichkeit auf Berichte zum Balkankrieg zwischen 1992 und 1995. Im letzten europäischen Krieg des 20. Jahrhunderts spielten sich gerade in Foca entsetzliche Dramen ab. Die Folge sind psychisch traumatisierte Menschen, die geografisch getrennt wurden.

Durch den Fussball soll sich das nun wieder ändern. Nicht nur das einstmals berühmte Fussballturnier wurde wiederbelebt, es gab auch ein rasantes, sozial interaktives Straßenfussball-Event. Damit sollen die emotionalen Wunden geheilt und der Weg zu mehr kulturellem Verständnis und anhaltendem Frieden geebnet werden.

Vom 11. bis 13. Mai führte "Foca '07" junge Leute aus Bosnien-Herzegowina, aus dem ganzen ehemaligen Jugoslawien und den Nachbarstaaten zusammen. Nach dem Erfolg der ersten beiden U-17-Turniere für Mannschaften mit elf Spielern, veranstaltete Football Friends, ein Mitglied des Netzwerks des strategischen FIFA-Partners streetfootballworld parallel eine Fussballveranstaltung, die von der FIFA im Rahmen der Bewegung Football for Hope unterstützt wurde. Beide Turniere wurden parallel ausgetragen und von Tausenden Bewohnern Focas verfolgt, die das schöne Wetter und die Aussicht auf tollen Fussball dazu bewogen hatte, den kurzen Fußweg über den Fluss Ceotina ins Stadion zu machen.

"Wir wollen das Negativimage von Foca ändern und zeigen, dass es für Muslime und Serben möglich ist, Freunde zu sein", erklärt Zoran Avramovic. Er ist Präsident der in Belgrad ansässigen Stiftung Football Friends und Leiter der Marketingabteilung von Roter Stern Belgrad. "Wenn man sagt, man will nach Bosnien reisen, wird man angeguckt, als sei man verrückt. Die Leute denken an den Krieg und an Kriegsverbrecher, aber das gehört der Vergangenheit an, und wir müssen dieses Kapitel abschließen. Ich kann meine Stadt nie vergessen und wollte zeigen, dass es ein ganz normaler Ort mit ganz normalen Leuten ist - ein Ort, an dem der Fussball etwas bewegen kann.

Zoran ließ seine Kontakte spielen und konnte acht Mannschaften für die Teilnahme an einem Turnier im K.O.-Modus gewinnen: Vardar aus Mazedonien, Groclin aus Polen, PAOK aus Griechenland, Maribor aus Slowenien, Zeljeznicar aus Bosnien, Roter Stern aus Serbien, Buducnost aus Montenegro sowie die Heimmannschaft Sutjeska. Einen Steinwurf entfernt drängten sich Hunderte um zwei einfache, aus Plastikabsperrungen errichtete Arenen und verfolgten ein Mixed-Turnier im Straßenfussball für Mädchen und Jungen unter 16. Zwölf Zweierteams hatten für diese Nebenveranstaltung gemeldet. Zustande gekommen war sie, nachdem die Organisatoren im vergangenen Jahr nach Berlin gereist waren und dort Augenzeugen des großen Erfolgs der ersten Weltmeisterschaft im Straßenfussball - dem streetfootballworld festival '06 - wurden.

Da scheinbar die ganze Stadt an diesem Festival beteiligt war, hatte niemand das Gefühl, als Verlierer dazustehen.

"Ich will, dass Foca eine Stadt der Freundschaft und des Sports wird", erklärte Bürgermeister Zdravko Krsmanovic, nachdem er geduldig alle Fragen der Fernsehreporter aus der Region beantwortet hatte. "Es spielt keine Rolle, wer gewinnt. Wichtig ist, dass Jugendliche aus anderen Ländern teilnehmen können. Wir wollen zeigen, dass Foca eine offene Stadt ist, und die hiesige Tradition gebietet es, dass wir das mittels des Fussballs tun."

Dayton, Trennung und Dunkelheit
Von einem Brocken der Stahlarmierung einer von NATO-Truppen bombardierten Brücke, der im klaren Wasser des Flusses Drina liegt, den unwirklich anmutenden Einschusslöchern in den Hauswänden der Stadtmitte und einem ungewöhnlich hervorstechenden Friedhofshügel abgesehen, gibt es nur noch wenige Zeugnisse der Auseinandersetzungen, die Foca vor kaum mehr als einem Jahrzehnt erschütterten. Die Stadt war zu Beginn des Krieges von serbischen Truppen eingenommen worden und blieb nach dem Dayton-Vertrag von 1995 nach dem Krieg eine serbische Stadt der Republika Srpska. Viele der Muslime, die zuvor die Mehrheit der fast 40.000 Einwohner der Stadt gestellt hatten, zogen ins nahe gelegene Gorazde, das künftig zur Föderation Bosnien und Herzegowina gehören sollte.

Ausgangssperren gibt es inzwischen zwar nicht mehr, aber mit hereinbrechender Dunkelheit sieht man in Foca nur noch äußerst selten muslimische Jugendliche oder serbische Heranwachsende in Gorazde auf den Straßen. Für einige Tage im Mai aber änderte sich das Bild und Kinder aller Regionen und Volksgruppen spielten gemeinsam oder tauschten in inoffiziellen Treffen Geschichten aus, auch nachdem die Sonne schon untergegangen war.

Stellvertretend für die vielen neuen Freundschaften, die bei dieser Gelegenheit entstanden sind, stehen Brendim Rusiti aus Mazedonien und Dejan Simovic aus Foca. Die beiden Jungen konnten sich der Anziehungskraft des Fussballs nicht entziehen. In den spontan zustande kommenden Spielen in den Straßen der Stadt bildeten sie ein schier unschlagbares Team.

"Wir haben uns gestern Morgen zum ersten Mal getroffen. Ich habe gesehen, wie gut er spielt. Da habe ich ihn gefragt, ob er mit mir ein Team bilden will", erzählt der 14-jährige Brendim.

"Er hat was drauf", findet auch der 12-jährige Dejan, "und ich dachte, wir geben bestimmt eine gute Mannschaft ab. Es ist traurig, dass wir uns jetzt auf Wiedersehen sagen müssen, denn so bald werden wir wohl nicht mehr zusammen spielen können."

Im Gegensatz zu vielen anderen Fussballprojekten war dieses nicht an Unterricht, Impfungen oder Saubermachen gebunden. In den kurzen Pausen zwischen den Spielen wurden die Jugendlichen einfach in Ruhe gelassen. Sie sollten neugierig sein und die seltene Gelegenheit nutzen, ihre Altersgenossen aus den Städten und Dörfern um Foca kennenzulernen.

"Es ist schleppend angelaufen", berichtet Sportlehrerin Jelena Dostic. Sie bereitet sich jetzt schon auf Foca '08 vor und hofft, dass sich Brendim, Dejan und viele andere dann wiedersehen können. Denn: "Es ist einfach schön zu sehen, welchen Spaß die Kinder haben und wie glücklich sie sind."

Im Juniorenfinale bewies die polnische Mannschaft aus Groclin Nerven aus Stahl und triumphierte im Elfmeterschießen über Maribor, während auf dem nahe gelegenen Straßenfussballfeld die größtenteils muslimische Mannschaft von OFFS Sarajevo das Endspiel gegen die Lokalmatadoren von Sutjeska mit 12:10 gewinnen konnte.

Aber auch nach dem Schlusspfiff und den jeweiligen Auszeichnungen war es mit dem Fussball in Foca noch nicht vorbei. Noch Stunden später füllten sich die Straßen und Parks der Stadt spontan mit Kindern und Jugendlichen, die dem runden Leder nachjagten. Dabei trugen sie nicht nur noch immer ihre Trikots, sie trugen noch etwas viel Selteneres und Kostbareres: ein Lächeln im Gesicht.