Er erlebte die besten Tage seines Lebens noch einmal, sie erlebte auf dem Spielfeld einen Alptraum. Am Ende des Turniers "Football Friends" in Foca aber hatten der große Bruder und die kleine Schwester wieder was zu lachen.
Veselko Njegus war wieder an dem Ort, an dem seine Träume wahr geworden waren. Denn beim letztjährigen Football-Friends-Turnier hatte der Teenager aus Sutjeska für seine Leistungen allerlei Lob eingeheimst. Als einer der zwei besten Spieler von Foca 2006 wurde er in das Balkan-Team gewählt, das beim streetfootballworld festival '06 in Berlin mitmischen durfte.
"Es war großartig!", schwärmt Veselko, inzwischen 19, über seine 17 Tage in der deutschen Hauptstadt. "Wir haben zwar nur in einer zum Hotel unfunktionierten Schule in Berlin-Kreuzberg übernachtet, aber selbst das ist besser als die meisten Orte in Bosnien.
"Wir haben uns mit allen gut verstanden, die meiste Zeit aber mit den Argentiniern, Südafrikanern und Norwegern verbracht. Die waren am geselligsten. Die Südafrikaner waren cool. Die haben ihre Spiele mit Musik und Trommeln bestritten und hatten ihren ganz eigenen Stil. Wir hatten so gut wie immer jede Menge Spaß!" Veselko muss immer noch lächeln, wenn er daran denkt. In Deutschland hat er sich mit Englisch und Spanisch beholfen - Fremdsprachenkenntnisse, die er nun unbedingt pflegen will, um in Kontakt zu seinen neuen Freunden bleiben zu können.
"Wir haben uns gegenseitig von unserer Heimat erzählt, von unseren Kulturen und von unseren Hobbys. Natürlich sind wir auch auf die eine oder andere Party oder in Discos gegangen und haben vor berühmten Gebäuden Fussball gespielt. Freundschaften zu schließen ist sozusagen die dritte Dimension des Spiels. Wir hatten sogar das Glück, mit Bobby Charlton und Boris Becker zu spielen."
Auf dem Platz haben Veselko & Co. alles gegeben. In dem nur wenige Tage vor dem Endspiel der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ausgetragenen Turnier wurden sie unter 22 Mannschaften Fünfter.
"Wir haben das Endspiel auf einer Riesenleinwand verfolgt", erinnert sich der Teenager, der zwar in einem Verein spielt, inzwischen aber lieber Straßenfussball praktiziert. "Berlin war ein großartiges Erlebnis. Jede Menge Spaß und jede Menge neuer Freunde."
Sister Act
Veselkos Schwester Vesna Njegus derweil stand beim ersten
Straßenfussballturnier von Foca im Mittelpunkt, bei dem zwölf
Mannschaften aus Serbien, Mazedonien, Sarajevo und der Gegend um
Foca, Trebinje, Gorazde und Visegrad teilnahmen. Mit einer Mischung
aus brillanter Technik und eiserner Entschlossenheit, die ihren
Bruder mit Stolz erfüllt hätte, führte Vesna die Lokalmatadoren aus
Sutjeska ins Finale des Mixed-Turniers gegen die Rivalen von OFFS
Sarajevo.
Angetrieben von wummernder Musik und dem Jubel vieler hundert Zuschauer, zeigte sich die 14-Jährige in bestechender Form, als ihr Team aus Foca früh in Führung ging. Weil die Spieler und Spielerinnen in den aus vier bis fünf Akteuren bestehenden Teams fliegend wechseln durften, war das Spieltempo beständig hoch. Die Köpfe der Zuschauer am Rande der tragbaren Kunststoffbanden drehten sich bei dem rasanten Spektakel wie bei einem Tischtennisspiel.
Doch OFFS war entschlossen, die Party zu verderben. Das Team kämpfte sich in die Partie zurück, glich aus, ging in Führung und reklamierte am Ende des Finals mit seinen 2 mal 10 Minuten den Sieg mit 12:10 für sich. Die erschöpfte Vesna konnte ihre Tränen danach nicht zurückhalten und musste von ihrer Lehrerin getröstet werden.
Am nächsten Tag hingegen gab sie sich schon aufgeräumter. "Ich musste weinen, weil wir die ganze Zeit geführt haben und doch verloren", erklärte sie schon wieder mit einem Lächeln im Gesicht. "Wir waren alle am Boden zerstört, aber die anderen wollten nicht in aller Öffentlichkeit losheulen. Später haben wir dann alle geweint. Da hat unsere Lehrerin gesagt, teilnehmen ist wichtiger als Gewinnen."
Ihr Bruder mag das Ticket zur FIFA-Weltmeisterschaft gewonnen haben, die Berühmtheit in Foca aber ist seine Schwester Vesna. Noch nach Einbruch der Dunkelheit spielt sie dort den Ball gegen die Wand ihrer elterlichen Wohnung.
"Das mache ich schon seit Kindheitstagen, seit mein Bruder mich mit zum Spiel genommen hat. Nach der Schule spiele ich den ganzen Tag - meistens mit den Jungs, weil in meiner Gegend nicht viele Mädchen spielen. Die Jungs in der Schule ermutigen mich, weil ich eine der besten in der Klasse bin und sie die anderen Klassen schlagen wollen."
Trotz der Niederlage sagt Vesna, das Football-Friends-Festival in Foca werde sie nie vergessen.
"Ich glaube, ich war wegen der ganzen Aufregung so emotional. Ich wollte alle hier stolz machen, aber dieses Wochenende werde ich trotzdem nicht vergessen", sagt die Jugendliche, die Ronaldinho als ihr großes Vorbild bezeichnet. "Ich habe hier eine ganze Menge Freunde - und ein Mädchen aus Mazedonien ist meine beste Freundin. Wir reden oft über Fussball und unsere Lieblingsspieler."
Die ungezügelten Tränen mögen eine Sache sein, Vesnas Ruhe am Ball jedoch eine andere, vielleicht entscheidendere. Die Tränen waren nach der Siegerehrung noch nicht getrocknet, als ein Trainer von Leotar Trebinje an sie heran trat und ihr anbot, künftig in der Frauenmannschaft jenes Klubs zu spielen, den Vesna mit Sutjeska im Halbfinale noch mit 18:12 besiegt hatte.
"Das ist vielleicht aufregend!", jubelt Vesna, von einem Ohr zum anderen grinsend. "Ich habe noch nie ein Frauenfussballspiel gesehen. Hoffentlich kann ich auch wirklich hin."
Mit Unterstützung von Bruder Veselko könnte der Name Njegus schon bald über Foca hinaus bekannt sein - so oder so.
