Sie nennen den Wohltäter "Papa Mikaël". In Kankan, der zweitgrößten Stadt von Guinea, ist Mikaël Silvestre weitaus mehr als ein Fussball-Vize-Weltmeister. Er ist gleichermaßen ein geachteter Prophet sowie ein Mäzen, der wie ein Prinz empfangen wird. Und ein von den Menschen in den Straßen einer Stadt, die extrem unter dem Analphabetismus leidet, bewunderter und gefeierter Star. Vom 1. bis 5. Juli 2009 konnte sich der französische Nationalverteidiger vor Ort selbst ein Bild von der Begeisterung machen, die seine "Schule der Hoffnung", die im Jahr 2005 als erstes Projekt der Nicht-Regierungsorganisation gleichen Namens entstanden ist, inzwischen in Guinea ausgelöst hat. Ziel dieses Projekts ist die Bekämpfung der Armut durch Bildung.
Das spontane und ehrliche Lachen der 18 Kinder des ersten von drei Jahrgängen, die derzeit an der Schule von Kankan betreut werden, hatte der Profi des FC Arsenal bereits im Jahr 2006 mit eigenen Augen erlebt. Denn der Gunner hat dieses Projekt von Anfang an persönlich geleitet. "Er hat sich mit aller Kraft für sein Projekt eingesetzt, und das alles ohne Gegenleistung. Damit hat er ein hohes Maß an Enthusiasmus und Einsatzbereitschaft bewiesen", so die anerkennenden Worte von Marie-José Lallart, Leiterin des Projekts "Hoffnung und Solidarität rund um den Fussball", das unter der Schirmherrschaft der UNESCO steht, die als Partnerin der "Schulen der Hoffnung" firmiert.
"Der schönste aller Triumphe"
Drei Jahre später kam Silvestre in Begleitung des französischen Schauspielers Saïd Taghmaoui, der sich als Pate für das Projekt engagiert, erneut für einige Tage nach Kankan, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Dabei wollte er vor allem ausloten, was in der Schule derzeit konkret benötigt wird. Darüber hinaus nutzte er seinen Aufenthalt auch zu individuellen Gesprächen mit den Schülern, die für eine berufliche Ausbildung an seiner Schule ausgewählt wurden, und gab ihnen wertvolle Hinweise für ihre unmittelbare Zukunft mit auf den Weg. "Mikaël hat diese Kinder von ihrer Unwissenheit befreit, er hat ihnen die Chance zur sozialen Integration gegeben", so ein Mitarbeiter der Schule. "Einen schöneren Triumph als den, dass man diese Kinder von der Straße holen und sie den dort ständig lauernden Gefahren entziehen konnte, gibt es für mich nicht", freut sich der frühere Abwehrspieler der Red Devils, der sich seit nunmehr vier Jahren leidenschaftlich für ein Projekt engagiert, über das er offen und ehrlich spricht.
"Die wirksamsten Mittel im Kampf gegen Analphabetismus und Elend sind die Bildung und der Sport, über den vor allem die zwischenmenschliche Solidarität gefördert wird. Unser Resozialisierungsprogramm bietet den Kindern die Möglichkeit, die elementaren Regeln des Lebens und des sozialen Verhaltens zu erlernen. Also Dinge wie gegenseitige Achtung, Toleranz, Leben in der Gruppe oder Beständigkeit. Unter dem Strich ermöglicht ihnen dieser reichlich durchdachte und in der Praxis erprobte pädagogische Ansatz, sich zu intelligenten Menschen zu entwickeln und sich wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Unser Projekt hilft ihnen, sich aufzubauen und wieder zu sich selbst zu finden. Am Ende dieses Prozesses wissen sie wieder, was es heißt, auf sich stolz zu sein. Und sie können ganz einfach auch wieder lachen", so Silvestre im Gespräch mit FIFA.com.
Bildung ist die "schärfste Waffe"
Von Pythagoras stammt der Satz, dass ein Mensch seine wahre Größe immer dann erreiche, wenn er niederkniet, um einem Kind zu helfen. Silvestre hat daraus seinen eigenen Lehrsatz hergeleitet, den er seit der Gründung der "Schulen der Hoffnung" tagtäglich anwendet, wobei er die These des griechischen Mathematik-Gelehrten mit seiner praktischen Erfahrung als Vater von drei Kindern verknüpft. "Als Vater hat man eine andere Sicht auf die Dinge des Lebens. Und es gibt so vieles auf dieser Erde zu tun..." Im Januar 2008 eröffnete der Verteidiger des FC Arsenal eine weitere Schule in Niamey (Niger), und zwar wiederum als Partner der UNESCO. Seitdem lernen dort 180 Kinder aus dem sozial benachteiligten Stadtviertel Koira Tegui Lesen und Schreiben als Voraussetzung für eine weiterführende Ausbildung. Und ein drittes Projekt wurde kürzlich im südostasiatischen Laos vollendet.
Alle Kinder, die für die dreijährige Ausbildung in einer solchen Bildungseinrichtung vorgesehen sind, werden nach exakt festgelegten Kriterien ausgewählt. Die Ausbildung selbst umfasst die Bereiche Allgemeines Grundwissen, Berufsausbildung sowie Körpererziehung und Sport. Überdies werden diese Kinder in das zuständige Zivilstandsregister eingetragen. Darüber hinaus bietet Silvestre ihnen die Chance, in ein würdevolles Leben zu finden, in dem sie nicht mehr ständig Lastkarren schieben müssen - ein Schicksal, das in Guinea Tausende von Kindern teilen, um ein bisschen Geld zu verdienen und damit ihre Familien zu unterstützen. Gleiches trifft auf Niger zu.
Für Silvestre lautet die Devise: Bildung ist das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der sozialökonomischen Missstände auf dieser Welt. "Um die Probleme der Ungleichheit und mangelnden Entwicklungschancen in den ärmsten Ländern zu lösen, kommt der Bildung eine vorrangige Rolle zu. Daher bildet sie den Schwerpunkt unserer täglichen Projektarbeit", so der Profi, der die nötigen finanziellen Mittel für die Tätigkeit im Rahmen seines Projekts übrigens aus eigener Tasche aufbringt.
Und selbst auf die Gefahr hin, als Utopist bezeichnet zu werden, glaubt Silvestre fest an eine ideale Welt. Warum? Eine Antwort darauf weiß niemand, nicht einmal er selbst. Unterdessen setzt Mikaël Silvestre sein humanitäres Engagement unbeirrt fort und verfolgt derzeit Pläne, weitere Projekte rund um den Globus in Angriff zu nehmen.
