FIFA-Präsident Joseph S. Blatter sprach mit FIFA.com über die Höhepunkte des vergangenen Jahres und die Erwartungen für das neue Jahr, Lionel Messi, den Zwangsabstieg von Mannschaften als Strafe für Rassismus seitens der Fans, die Torlinien-Technologie, Spielabsprachen, seine Liebe zum Fussball und die Bedeutung der FIFA U-20-Weltmeisterschaft und des FIFA Konföderationen-Pokals.

Mit der Gala FIFA Ballon d'Or hatte das neue Jahr bereits einen ersten Höhepunkt. Was sagen Sie zu den Preisträgern?
Lionel Messi ist derzeit der beste Spieler. Daher sind wir sehr stolz, dass die Wähler eine so klare Entscheidung getroffen haben. Allerdings sollten wir vielleicht drei Medaillen vergeben, damit nicht zwei der drei eingeladenen Kandidaten mit leeren Händen nach Hause gehen müssen. Darüber sollten wir vielleicht für die Zukunft nachdenken.

Anfang 2013 gab es auch einen sehr bedauerlichen Vorfall bei einem Spiel des AC Mailand. Das Rassismusproblem in der Gesellschaft und im Fussball ist nichts Neues und es lässt sich nicht so leicht lösen. Welche Ansätze schweben Ihnen vor?
Rassismus ist ein Phänomen, bei dem der Fussball ein Opfer unserer Gesellschaft ist. Diskriminierung und Rassismus sind überall in unserer Gesellschaft zu finden. Wir im Fussball können nicht für das verantwortlich gemacht werden, was in unserer Gesellschaft geschieht. Doch nirgendwo auf der Welt – das gilt für alle Probleme, die man im Privatleben, im Geschäftsleben, in der Politik haben kann – kann man ein Problem lösen, indem man davonläuft. Ich stimme mit Boateng überein und unterstütze seinen Schritt – wie ich bereits gesagt habe – denn das war eine ernste Warnung. Es liegt jetzt an uns, angemessene Schritte zu ergreifen. Ich finde, wir sollten unseren Nationalverbänden und den Konföderationen – insbesondere den Disziplinarkomitees – die Anweisung geben, sehr entschieden vorzugehen. Ein Bußgeld zu verhängen reicht nicht aus. Ein Spiel ohne Zuschauer zu absolvieren ist eine der möglichen Sanktionen, doch das beste wäre das Abziehen von Punkten und der Zwangsabstieg einer Mannschaft, denn letztlich ist ein Klub für seine Zuschauer verantwortlich.

2012 war ein sehr ereignisreiches Fussballjahr. Was waren für Sie persönlich die Höhepunkte?
Das absolute Highlight 2012 war für mich der Frauenfussball. Wir hatten zwei große Turniere im FIFA-Kalender, die U-20- und die U-17-WM. Die U-17-WM wurde erstmals in einem muslimischen Land ausgetragen, nämlich in Aserbaidschan. Das Turnier war ein großer Erfolg und hatte mit Frankreich einen Überraschungssieger. Dann hatten wir die U-20-WM in Japan. Hier war der Sieger keine Überraschung, denn in den USA arbeitet man bei den Mädchen schon seit vielen Jahren sehr intensiv an der Entwicklung des Fussballs. Der absolute Höhepunkt waren jedoch definitiv die Olympischen Spiele in London. Wer hätte so viele Zuschauer und eine solche Begeisterung für den Frauenfussball erwartet? Ich selbst sicher nicht, muss ich zugeben. Wer hätte sich eine solche Euphorie rund um den Frauenfussball vorstellen können? Das war fantastisch. 80.000 Zuschauer im Wembley-Stadion, diesem Tempel des Männerfussballs, bei einem Spiel der Frauen – das war schon etwas! Es war keine Überraschung, dass die USA zum dritten Mal in Folge Olympiasieger wurden. Nachdem sie das Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 gegen Japan verloren hatten, konnten sie sich dieses Mal wieder durchsetzen. Und dann war da ja auch noch das Olympische Fussballturnier der Männer, das mit einer großen Überraschung endete, denn Mexiko setzte sich gegen Brasilien durch. Auch die Futsal-Weltmeisterschaft in Thailand war ein großes Ereignis. Dort gab es im Finale die gleiche Paarung wie schon mehrmals in den Vorjahren, nämlich Spanien gegen Brasilien. Brasilien gewann erneut, durch einen Siegtreffer wenige Sekunden vor Ende der Verlängerung. Bei der Klub-Weltmeisterschaft gab es einen überraschenden aber dennoch verdienten Sieger, nämlich das großartige Team von Corinthians aus São Paulo. Die Hincha von Corinthians haben der ganzen Welt gezeigt, dass sie mehr sind als nur Fans. Corinthians hat das Spiel gegen Chelsea gewonnen, den europäischen Vertreter. Die Begeisterung in Amerika – Nord- wie Südamerika – über den neuerlichen Titelgewinn war enorm.

Ich finde, wir sollten unseren Nationalverbänden und den Konföderationen – insbesondere den Disziplinarkomitees – die Anweisung geben, sehr entschieden vorzugehen. Ein Bußgeld zu verhängen reicht nicht aus.

Bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft kam erstmals die Torlinien-Technologie zum Einsatz. Es gab allerdings keinen Fall, wo sie nötig gewesen wäre. Sehen Sie dies dennoch als wichtigen Schritt im Schiedsrichterwesen an?
Die Schiedsrichter haben gesagt, dass die Technologie für sie eine große Hilfe ist. Sie ermöglicht die Entscheidung, ob der Ball im Tor war oder nicht. Über die Fernsehkameras kann man das nicht erkennen, denn der Ball ist zu schnell und auch das menschliche Auge kann das nicht leisten. Jetzt haben wir ein System dafür, also müssen wir es auch nutzen. Ich habe diese Entscheidung getroffen, als ich die FIFA Fussball-WM 2010 sah, als [Frank] Lampard ein Tor erzielte und alle Fernsehzuschauer es erkannt haben, aber die Offiziellen nicht. Da habe ich gesagt, wenn wir adäquate Systeme haben, müssen wir sie bei der nächsten FIFA Fussball-WM einsetzen. Wenn wir sie nicht nutzen würden und es zu einer ähnlichen Situation käme, dann sähen wir wirklich wie Narren aus. Jetzt haben wir die Systeme. Wir haben sie bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft genutzt und wir werden auch eines beim FIFA Konföderationen-Pokal einsetzen. Es ist ein Fortschritt. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die großen Ligen sie nutzen werden, denn sie sind eine große Hilfe für die Schiedsrichter und ermöglichen wohl die beste Entscheidung, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht.

Spielabsprachen sind derzeit ebenfalls ein großes Thema. Sehen Sie solche Machenschaften als großen Feind des Fussballs?
Das ist eine teuflische Gefahr für den Fussball. Wenn die Leute wissen, dass Spiele abgesprochen werden können, dann haben sie kein Vertrauen mehr in die Resultate im Sport. Wir arbeiten auf diesem Gebiet mit den politischen Behörden und auch mit INTERPOL zusammen. Was wir brauchen ist Solidarität innerhalb der Fussballfamilie. Wenn Spieler, Trainer oder Schiedsrichter von solchen Leuten kontaktiert werden, sollten sie das sofort melden und darüber aussagen. Nur dann können wir erfolgreich dagegen vorgehen. Der beste Trainer der Welt, Vicente Del Bosque, sprach davon, als er die FIFA-Auszeichnung als bester Trainer des Jahres entgegennahm – Ethik und Solidarität im Fussball.

Bei der FIFA wurden eine ganze Reihe von Reformen umgesetzt. Sind Sie mit dieser Umsetzung zufrieden?
Ja, absolut. Wir haben zwei Drittel der geplanten Schritte abgeschlossen. Wir verfügen jetzt über eine unabhängige Ethik-Kommission mit zwei Kammern. Wir haben eine unabhängige Audit- und Compliance-Kommission und wir haben bereits einige Entscheidungen bezüglich der Statuten getroffen. Die Vergabe der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft wird zukünftig durch den Kongress erfolgen, auf Grundlage einer Vorauswahl durch das Exekutivkomitee der FIFA. Jetzt sind wir in der letzten Phase, die wir zum Abschluss bringen, indem wir dem Kongress 2013 eine Reihe von Änderungen der Statuten vorschlagen werden. Dabei geht es um die Dauer von Mandaten, Altersgrenzen und weitere Dinge. Derzeit stehen wir über die Konföderationen mit den Nationalverbänden in Kontakt und auf der Sitzung des Exekutivkomitees im März werden wir die Ergebnisse haben und sehen, was wir ändern müssen. Doch ganz ehrlich entsprechen unsere Statuten so wie sie jetzt sind den realen Gegebenheiten des Fussballs. Ganz besonders notwendig war für uns die Einrichtung der Ethik-Kommission und der Audit und Compliance-Kommission, doch dies wird nur funktionieren, wenn solche Kommissionen auch in allen Nationalverbänden und Konföderationen eingerichtet werden. Die FIFA allein kann nicht das Schiedsgericht für die 300 Millionen Menschen sein, die am Fussball beteiligt sind. Wir danken der unabhängigen Kommission für Governance mit Professor [Mark] Pieth, der uns viele Hinweise gegeben und uns motiviert hat, den Blick nach innen zu richten. In Mauritius werden wir unser Reformprogramm zu Ende bringen, davon bin ich überzeugt. Es sind enorme Veränderungen. Wenn man das FIFA-Exekutivkomitee betrachtet, gibt es große Veränderungen seit unseren ersten Schritten 2011 bis kommenden Mai.

Ich habe gesagt, wenn wir adäquate Systeme haben, müssen wir sie bei der nächsten FIFA Fussball-WM einsetzen. Wenn wir sie nicht nutzen würden und es zu einer ähnlichen Situation käme, dann sähen wir wirklich wie Narren aus.

Es ist jetzt 38 Jahre her, seit Sie zur FIFA kamen. Es gab ruhige Zeiten, aber auch sehr bewegte Zeiten. Sie sind aber immer noch mit Enthusiasmus dabei. Was motiviert Sie?
Ich kam im Februar 1975 zur FIFA. Ich habe diese Gelegenheit ergriffen, denn so konnte ich im Fussball arbeiten, der immer schon meine Leidenschaft war. Ich war selbst Fussballspieler und trete sogar heute noch ab und zu gegen den Ball. Als ich bei der FIFA anfing, erkannte ich sofort, dass Fussball mehr ist als nur ein Spiel. Das wurde mir insbesondere in Afrika klar. Doch eigentlich gilt es rund um die Welt. Fussball ist mein Leben und ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, denn der Fussball soll durch Disziplin, Respekt und Fairplay in unserer Gesellschaft eine soziale und kulturelle Rolle spielen. Wenn wir Disziplin, Respekt und Fairplay in unsere Familien, Schulen, Politik, Wirtschaft und andere Bereiche der Gesellschaft bringen können, dann haben wir viel erreicht. Es wird nicht leicht, denn wenn man eine Familie mit 300 Millionen Menschen hat, dann kann man nicht jeden überzeugen, stets auf dem rechten Weg zu bleiben – aber wir versuchen es trotzdem. Ein weiteres Thema, um das wir uns jetzt und in Zukunft kümmern müssen, ist die Gesundheit. Denn es ist nicht gut, nur den Fussball weiter zu entwickeln und immer mehr Spieler, Trainer und Schiedsrichter zu haben, wenn man nicht auch auf die Gesundheit all dieser Beteiligten achtet.

2013 findet der FIFA Konföderationen-Pokal statt, der als Generalprobe für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ gilt. Haben Sie hohe Erwartungen an das Turnier, was den Fussball und die Organisation angeht?
Für das Lokale Organisationskomitee und insbesondere für die Logistik wird es in der Tat eine Art Generalprobe. Es gibt keinen Zweifel, dass die Stadien fertig sein werden, aber wir wollen auch sehen, wie sich ein Stadion füllt und leert, wie die Menschen befördert werden und all die logistischen Aspekte. Doch es nur als Generalprobe zu bezeichnen, wird der Veranstaltung nicht gerecht, denn es handelt sich tatsächlich um ein Festival der Meister. Wenn man sich die qualifizierten Teams anschaut ist es ein sehr beeindruckendes Starterfeld!

2013 findet auch die FIFA U-20-Weltmeisterschaft in der Türkei statt. Warum fühlen Sie sich diesem Turnier so eng verbunden?
Die U-20-Weltmeisterschaft war der erste Wettbewerb, den wir unter dem damaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange ins Programm nahmen. Er hatte die Vision, dass Fussball universal sein sollte. Es war sozusagen das Entwicklungsprogramm. Doch wenn man den Fussball entwickeln will, dann braucht man mehr als nur die Olympischen Spiele und die FIFA Fussball-WM. Das U-19-Turnier wurde 1977 erstmals ausgetragen, in Tunesien. Das zweite war schon deutlich größer, in Tokio. Dort begann im Finale der legendäre Aufstieg von Maradona. Argentinien traf in den letzten zehn Minuten drei Mal gegen die Sowjetunion. Von diesem Moment an wurde das U-20-Turnier zur großen Schaubühne für künftige Stars. Es ist definitiv das zweitwichtigste FIFA-Turnier hinter der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™.