
Vor dem Treffen der Ethikkommission sprach FIFA.com mit Michael J. Garcia, dem Vorsitzenden der untersuchenden Kammer der Ethikkommission, über seine neue Rolle und die vor ihm liegenden Herausforderungen.
FIFA.com: Herr Garcia, können Sie bitte genauer erklären, was Ihre Tätigkeit als Vorsitzender der untersuchenden Kammer der Ethikkommission umfassen wird?
Zunächst mal geht es bei dieser Aufgabe darum, sich Vorfälle, Beschwerden, mögliche Verstöße gegen das Ethikreglement anzuschauen und dann zu entscheiden, wie man damit weiter verfährt. Zu entscheiden, ob es Anlass zu einer umfassenden Untersuchung gibt oder nicht, dann die Fakten und die Umstände der potenziellen Verstöße festzustellen und daraufhin wieder zu entscheiden, ob es ausreichende Gründe gibt, die Untersuchung fortzuführen. Wenn ja, dann eröffnen wir eine Hauptuntersuchung und ergreifen alle zur Verfügung stehenden Mittel, zu ermitteln, was geschehen ist und ob Regeln gebrochen wurden.
Und aufgrund Ihrer Erkenntnisse geben Sie der neuen rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission dann Empfehlungen?
Genau. Wenn Sie sich das Ethikreglement anschauen, dann werden dort die jeweiligen Aufgaben der untersuchenden und der rechtsprechenden Kammer genau festgelegt. Von untersuchender Seite legen wir einen Abschlussbericht vor und sagen: "Dies haben wir herausgefunden, das sind die Fakten, das ist unsere Empfehlung." Und dann muss die rechtsprechende Kammer entscheiden, was sie mit dem betreffenden Fall anfängt.
Wie würden Sie den Reformprozess innerhalb der FIFA bisher beurteilen?
Ich war überhaupt nicht beteiligt an dem, was bisher geschehen ist, weder an einen einzelnen Fall noch an den Veränderungen in den Untersuchungs- und Entscheidungsprozessen, aber aus meiner Sicht ist dies ein Meilenstein für den Verband. Zwei neue Vorsitzende sind von außerhalb verpflichtet worden, zwei neue, engagierte Kammern zu leiten, die mit genau definierten Kompetenzen Untersuchungen vorantreiben können. Nach meiner Erfahrung in der Strafverfolgung sowie als Anwalt in zivilen Ermittlungen ist der entscheidende Punkt, dass man die Autorität und die Möglichkeit besitzt, Informationen zu beschaffen und Tatbestände zu ermitteln. Darum glaube ich, dass der reformierte Verfahrensweg in dieser neuen Konstruktion der Schlüssel zum Erfolg sein wird. Man hat jetzt unabhängige Vorsitzende der beiden Kammern, was ein enormer Fortschritt ist, und mit dem revidierten Ethikreglement hat man auch ein sehr gutes Regelwerk. Darauf werden wir aufbauen und den nächsten Schritt tun.
Wie ist denn Ihr persönliches Verhältnis zum Fussball? Interessiert Sie das Spiel?
Eine der Voraussetzungen für den Posten war die Unabhängigkeit vom Fussballbetrieb, und die erfülle ich zu hundert Prozent! Das ist ein Aspekt, auf den ich mich besonders freue: Den Fussball besser kennenzulernen, sowohl das Spiel als auch das Drumherum. Bisher hatte ich nur auf familiärer Ebene damit zu tun. Meine Tochter war übrigens diese Woche im Fussball-Camp – sie ist die talentierteste Spielerin in der Familie. Ich würde also sicher nicht sagen, dass ich mit dem Sport intim vertraut bin, aber interessiert bin ich schon, und ich kenne ihn auch. Jedenfalls bin ich der Ansicht, dass es für meine Rolle hilfreich ist, einen frischen, unverstellten Blick auf den Verband mitzubringen.
Was hat Sie denn dazu gebracht, diese wichtige Mission im Reich des Fussballs zu übernehmen?
Hier ist gerade vieles im Umbruch. In der Vergangenheit gab es Probleme, die FIFA und die Unabhängige Kommission für Governance untersuchen diese mit großem Engagement, damit man sich weiterentwickeln kann; es ist sehr aufregend, bei diesem Reformprozess mitzumachen. Die FIFA ist eine weltweite Organisation und spielt eine enorm wichtige Rolle. Wenn man sich das revidierte Ethikreglement anschaut, dann steht dort explizit, dass die FIFA besondere Verantwortung dafür trägt, die Integrität des Fussballsports weltweit zu wahren. Es ist eine Ehre, Teil eines solchen Auftrags zu sein, vor allem in diesem neuen, anspruchsvollen Amt.
Sie haben große Erfahrung darin, ermittelnde Untersuchungen internationaler Organisationen zu leiten. Werden Sie von diesen Erfahrungen in der Fussballwelt profitieren können?
Man profitiert immer von Erfahrungen. Sicher, ich habe viele Erfahrungen bei Untersuchungen komplizierter Fälle gesammelt, sowohl als Staatsanwalt in Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden als auch auf dem privaten Sektor, wo ich für Kunden und Unternehmen gearbeitet habe, die interne Probleme lösen und herausfinden wollten, was passiert ist und wer damit zu tun hat. Die Umstände sind jedes Mal andere, es stehen einem von Fall zu Fall unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Wenn man für die Regierung oder den Staat arbeitet, dann hat man ein Gericht, man kann Zeugen vorladen, man kann Fälle von einer Grand Jury untersuchen lassen; wird man hingegen in einem Unternehmen tätig, so hat die Unternehmensleitung eine gewisse Kontrolle über die Angestellten und über Daten, die Eigentum des Unternehmens sind. Ein Teil des Vorgehens ist also zunächst die Feststellung, welche Mittel einem zur Verfügung stehen, wie man von den Betreffenden Informationen und Mitwirkung erlangen und die Untersuchung voranbringen kann. Die dazu nötigen Fähigkeiten sind in vieler Hinsicht die gleichen, aber die Basis oder Struktur der Arbeit ist eine andere.
Was wird die größte Herausforderung in ihrer neuen Aufgabe?
Die Herausforderung bei jeder Ermittlung ist, Zugang zu Informationen zu bekommen. In der Lage zu sein, Mitarbeit, Unterlagen, Zeugenaussagen zu bekommen. Die FIFA hat eine andere Organisationsstruktur als ein Unternehmen oder eine Regierung, darum wird es eine Herausforderung sein, innerhalb dieser Struktur zu arbeiten und mithilfe des neuen Reglements Informationen zu erhalten. Das ist absolut keine unlösbare Aufgabe, aber sie muss eben im Verlauf der Falluntersuchungen angegangen werden: mit den Mitteln des neuen Ethikreglements die Mitwirkung zu bekommen, die wir brauchen, und zugleich bereit zu sein, bei Verletzung der Mitwirkungspflicht Sanktionen zu verhängen. Im größeren Maßstab ist eine der Schwierigkeiten des Postens eben, dass er so neu ist. Das Reglement ist sehr detailliert und hält eine Menge Richtlinien bereit, doch wie bei jeder Neuerung, vor allem in den Bereichen Ethik, Sanktionierung und Ermittlungen, werden wir Verfahrenswege und ein Procedere entwickeln müssen. Die unmittelbare Aufgabe, die wichtiger ist als jeder einzelne Fall, ist die Schaffung solcher Strukturen, und dann dafür zu sorgen, dass die Organisation, ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit ihnen vertraut. Und diese Arbeit hat schon begonnen.



