Eaton: Müssen gegen Spielmanipulationen vorgehen
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Seit einem Jahr ist Chris Eaton nun Sicherheitsbeauftragter der FIFA. Mit FIFA.com sprach er über das Ausmaß von Spielmanipulationen rund um den Globus, die Fortschritte der FIFA im Kampf gegen dieses Übel und die dabei verfolgten Ziele.

Welchen Auftrag hat die Sicherheitsabteilung der FIFA?
Nach der FIFA Fussball-WM 2010 in Südafrika haben wir ein Programm zur Unterstützung von Ermittlungen entwickelt, um Spielmanipulationen und die Unterwanderung der FIFA durch Kriminelle zu bekämpfen. Und natürlich muss auch die Unterwanderung der Mitgliedsverbände bekämpft werden, die ja letztlich die FIFA bilden. In den vergangenen zwölf Monaten haben wir ein Ermittlungssystem entwickelt, das die Polizei und andere Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden dabei unterstützt, Beweismittel für die Strafverfolgung von Personen zu erlangen, die an Spielmanipulationen beteiligt sind. Spielmanipulationen mit den entsprechenden Auswirkungen gibt es auch in Qualifikationswettbewerben für FIFA-Turniere und auch die Beeinträchtigung der globalen Wettbewerbe selbst ist möglich. Somit untergraben Spielmanipulationen die gesamte Integrität unserer Wettbewerbe. Doch die Unterwanderung der Verbände und des Fussballs insgesamt durch Kriminelle ist das drängendste Problem. Das organisierte Verbrechen hat großes Interesse an Spielmanipulationen, da der Fussball bei Sportwetten eine enorm große Rolle spielt. So liegt beispielsweise in Südostasien der Anteil des Fussballs an Sportwetten bei über 90 Prozent, in erster Linie bei internationalen Wettbewerben. Viele Leute halten die FIFA für eine reiche Organisation. Doch sie ist nicht annähernd so reich wie die Wettbüros und Buchmacher der Welt, die vom Fussball leben und von denen die FIFA keine Einnahmen erzielt, bei denen sie keinen Einfluss und kein Mitspracherecht hat. Die FIFA ist nicht gegen Sportwetten, doch als davon betroffenes Opfer fordern wir die Regierungen auf, geeignete Kontrollmechanismen für diese nicht regulierten Wettbüros und Buchmacher aufzubauen, insbesondere in Südostasien, wo nur ein winziger Anteil der Sportwetten auf regulierte Bereiche entfällt und unregulierte Wetten alles in den Schatten stellen. In Italien haben Ermittlungen im vergangenen Jahr ergeben, dass die zwei kriminellen Organisationen Mafia und Camorra bis zu zwei Milliarden Euro aus entsprechenden Machenschaften eingenommen haben. Dabei darf man nicht vergessen, dass es "digitales Geld" ist. Es gibt also keinen Grenzübertritt und keine Risiken mit Einfuhr oder Produkten und auch keine Notwendigkeit, viele Leute zu bestechen. Bisher bietet dieses Geschäft den Kriminellen also kaum Risiken, aber enorme Profite.

Wie schwer ist es, solche Dinge erfolgreich zu ermitteln?
Das größte Problem ist wohl die Naivität. Die Leute denken 'Das ist Fussball, das schönste aller Spiele, wer würde daraus wohl Profite schlagen wollen?' Nun, die Antwort lautet, dass es viele Möglichkeiten gibt, daraus Profite zu schlagen, und eine dieser Möglichkeiten ist eben die Manipulation von Spielen. Unsere wichtigste Aufgabe ist die Verhinderung von Spielmanipulationen. Also schaffen wir eine dem entgegengerichtete Gesamtsituation, damit die Mittelsmänner erkennen, dass wir sie bloßstellen, ihre Namen öffentlich machen und sie sich nirgendwo auf der Welt der Strafverfolgung entziehen können. Mit das größte Risiko besteht bei WM-Qualifikationsspielen, insbesondere wenn bestimmte Mannschaften ohnehin nicht an ihre Chance glauben, die WM-Endrunde zu erreichen.

Wie gelangen Sie an solche Informationen und Einblicke?
Wir bauen derzeit Quellen in den kriminellen Organisationen und im Fussball selbst auf, die uns Informationen liefern. Die Sicherheitsabteilung der FIFA ist eine kleine Abteilung, die auf gute Zusammenarbeit mit Partnern auf dem Gebiet der Strafverfolgung angewiesen ist. Wir müssen außerdem die Verbände und Konföderationen stärker in eine Art Rahmenvereinbarung einbinden. So besteht beispielsweise seit 1. Dezember eine gemeinsame Task Force gegen Spielmanipulationen, die von Kuala Lumpur aus arbeitet. Zwei Mitarbeiter der AFC und ein Sonderermittler von uns werden sich bei ihrer gemeinsamen Arbeit auf Spielmanipulationen und Korruption in Südostasien konzentrieren. Ein weiterer Sonderermittler arbeitet in Kolumbien. Er ist für Nord-, Mittel- und Südamerika zuständig. Dann haben wir einen arabischsprachigen Ermittler in Jordanien, der für den Nahen Osten und Afrika zuständig ist, und außerdem einen weltweiten Koordinator, der von Großbritannien aus arbeitet und daneben auch für Afrika und Europa zuständig ist. Es geht hier um internationale – ja sogar interkontinentale – organisierte Kriminalität. Wir erkennen Spuren von Kriminellen aus Singapur in ganz Europa, in Afrika und in Mittelamerika. Für nationale Polizeiorganisationen ist es kaum möglich, bei solchen Dimensionen erfolgreiche Ermittlungsarbeit zu leisten. Aber ich denke, dass die im vergangenen Jahr gemachten Fortschritte ein gutes Zeichen sind, dass wir die Manipulierer besiegen werden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass uns das gelingen wird.

Halten Sie eine Einrichtung nach dem Vorbild der WADA (Welt-Antidoping-Agentur) für das Problem der Spielmanipulationen für notwendig?
Ich denke nicht, dass wir so etwas wie die WADA brauchen. Was wir brauchen, ist die Möglichkeit, unabhängige Ermittlungen im Bereich des Sports durchzuführen. Die WADA befasst sich mit Betrügern, die für Siege schummeln. Wir sprechen aber über Kriminelle, die für Niederlagen bestechen. Man braucht einen Kodex für den Umgang mit versuchten Spielmanipulationen. Die Ethik des Sports wird am besten dort kontrolliert und beeinflusst, wo der Sport ausgeübt wird – also auf Ebene der Klubs und der Verbände und in den Herzen und Köpfen aller Beteiligten.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Manipulation von Spielen besiegt werden kann?
Auf jeden Fall! Ich bin schon seit 40 Jahren im Bereich der Strafverfolgung tätig und seit mittlerweile zwölf Jahren auf internationaler Ebene bei Interpol. Auf einen wirklich cleveren Kriminellen bin ich bisher noch nicht getroffen. Es gibt in der Verwaltung der FIFA eine ganze Menge cleverer Leute. Sicher muss man auch die wirtschaftliche Situation und die Sicherheit von Spielern und Schiedsrichtern in die Überlegungen einbeziehen. Es gibt Beispiele für massive Einschüchterungsversuche und möglicherweise sogar für Morde an Spielern, die sich geweigert haben, mit den Kriminellen zusammenzuarbeiten. 2012 werden Spieler, Offizielle und auch Funktionäre die Möglichkeit erhalten, sich – auch anonym – an eine Stelle zu wenden, um über entsprechende Dinge zu berichten. Es wird Amnestien, Belohnungen und eine Hotline geben. Wir werden eine Website einrichten, eine Telefonnummer schalten und eine E-Mail-Adresse einrichten – für alle Sprachen. Wenn jemand etwas sagen will, werden wir alles tun, was diese Person wünscht. Es ist egal, ob sich jemand an uns wendet, um eine Belohnung zu erhalten, oder um straffrei zu bleiben. Manche Spieler wurden von Teamkameraden oder Familien oder in ihren Klubs unfair kompromittiert. Ich sehe keinen Grund, warum sie nicht rehabilitiert werden und zum Fussball zurückkehren sollten. Wir wollen, dass die Fussball-Akteure uns die Wahrheit sagen, bevor wir die Wahrheit herausfinden – etwa nach dem Motto 'Pack aus, bevor Du erwischt wirst'.

Können Sie den Umfang des Problems manipulierter Spiele beziffern?
Das ist sehr schwierig. Was man aber durchaus beziffern kann, ist die Höhe der Profite. So kennt beispielsweise die italienische Regulierungsbehörde jede einzelne Sportwette. In Italien werden jährlich 4,2 Milliarden Euro bei Sportwetten gesetzt, wovon 92 Prozent auf den Fussball entfallen. Die registrierten italienischen Wettanbieter selbst schätzen ihren Anteil auf 30 Prozent des gesamten Umsatzes. 70 Prozent hingegen entfallen auf nicht regulierte und nicht registrierte Buchmacher, womit der Gesamtbetrag der Einsätze bei Fussballwetten allein in Italien bei rund zwölf Milliarden Euro liegen dürfte. Und das ist nur ein einziges Land in Europa. Wir schätzen, dass jährlich weltweit zwischen 300 und 500 Milliarden bei Sportwetten gesetzt werden, wobei diese Zahl natürlich auch Pferderennen, Cricket, Football und alle anderen Sportarten umfasst.

Ist das entsprechende Interpol-Programm zur Aufklärung bereits im Einsatz?
Es wird noch in diesem Jahr formal umgesetzt und wird auch beim ersten internationalen FIFA-Turnier des Jahres 2012 vertreten sein, der FIFA U‑20‑Frauen-Weltmeisterschaft. Die Mitarbeiter des Programms werden mit den Spielerinnen und mit Funktionären sprechen. Es geht darum, dass sich der Fussball erhebt und Widerstand leistet, denn es ist an der Zeit, dass der Fussball gegen Spielmanipulationen zurückschlägt.

Welchen Aspekt Ihrer bisherigen Arbeit empfinden Sie als besonders ermutigend bzw. besonders frustrierend?
Ich fühle mich durch das steigende Bewusstsein über das Problem der Spielmanipulationen im Fussball sehr ermutigt. Ich kann förmlich spüren, dass die Spieler dieses Problem an die Öffentlichkeit bringen wollen. Es gibt Spieler, die Opfer dieses Problems wurden. Ich habe selbst mit Spielern gesprochen, die ein Spiel für ihr Land bestritten haben und von ihren Teamkameraden aufgefordert wurden, sich an einer Manipulation zu beteiligen und die nach ihrer Weigerung nie wieder für ihr Land gespielt haben. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Spieler ihre Ehrlichkeit sehr teuer bezahlt haben. Zwei Spieler aus der Republik Korea begingen sogar Selbstmord, weil sie die Schande nicht ertragen konnten, dass sie mit Spielmanipulationen in Verbindung gebracht wurden. Die Opfer sind die Spieler, die Trainer und die Funktionäre, denn es geht hier schließlich um einen Sport, bei dem Werte wie Mannschaftsgeist und Fairplay im Mittelpunkt stehen. Wenn man diese hohen Ideale verrät, folgt die Schande meist auf dem Fuß. Wir müssen den Opfern sowohl Unterstützung als auch Schutz gewähren.

Wie kann das gelingen?
Man kann nicht die ganze Zeit mit den Polizeiorganisationen einzelner Länder reden. Wir müssen den Lösungsansatz auf globaler Ebene umsetzen, beispielsweise über die Vereinten Nationen oder Interpol und andere internationale Organisationen, die vom Aufgabenbereich her in der Lage sind, sich unseres Problems anzunehmen. Als allererstes müssen wir jedoch das Ausmaß des Problems bestimmen. Daran arbeitet Interpol derzeit. Es gab noch nie so viele Ermittlungen auf nationaler Ebene wie heute. Hunderte Spieler sitzen im Gefängnis und gegen entsprechend viele Funktionäre wird ermittelt. Wenn das nicht als Weckruf reicht, damit wir endlich etwas tun, dann wird es niemals einen solchen Weckruf geben. Derzeit gibt es bis zu 50 Ermittlungen auf nationaler Ebene – das entspricht einem Viertel der Mitgliedsverbände der FIFA. Das ist beängstigend. Wir müssen etwas dagegen tun. Wir müssen dagegen kämpfen!