
Scott O’Donell hält eine große Aufgabe in Händen. Der groß gewachsene, 45-jährige Australier ist seit November 2011 der verantwortliche Technische Direktor der FIFA für die regionalen Ausbildungszentren in Indien. Diese Aufgabe ist grundlegend, um dem indischen Fussball kurz- und langfristig wieder auf die Beine zu helfen und um eine konkurrenzfähige U-17-Nationalmannschaft aufzubauen, welche 2017 die WM in dieser Altersklasse, um deren Austragung sich Indien bewirbt, erreichen kann.
"Ich mache die regionalen Ausbildungszentren arbeitsfähig. Es geht darum, die Kandidaten zu sichten, sie auszuwählen, die Trainer auszubilden. Die Akademie in Mumbai hat letzten Mai eröffnet, in Bangalore treffen in diesen Tagen die Kinder ein und die Programme beginnen. Und wir stehen auch in Kolkata kurz vor dem Startschuss. Damit hätten wir in diesem Jahr drei betriebsfähige Zentren. Fünf weitere sind für nächstes Jahr geplant. Zudem ist die Eröffnung eines ersten Elite-Zentrums für 2013 vorgesehen, in das die U-16-Nationalmannschaft einziehen soll", zählte er auf.
Nach mehreren Jahren als Spieler in verschiedenen Klubs in Asien (1984 – 2000) sammelte O’Donnel im Anschluss große Erfahrung als Trainer. Im Verlauf der Jahre stellte er sein Können als Trainer Kambodschas, als Trainer des Jahres 2003 in Singapur, als FIFA-Instruktor oder als Kursleiter für Trainer im AFC unter Beweis. Aus diesem Grund vertraute ihm die FIFA diese Mission an, die ihn sichtlich zu begeistern scheint.
Talente finden und fördern
Zunächst muss damit begonnen werden, die jungen Spieler auszuwählen, die in den Ausbildungszentren (oder Akademien) aufgenommen werden sollen. Es ist ein wichtiger und auch delikater erster Schritt. "Überall in Indien ist Talent vorhanden, das ist sicher. Wir müssen einfach nur in der Lage sein, die Spieler auszumachen und zu finden, und genau dafür ist die Hilfe der indischen Staaten sehr wichtig. Sie müssen Auswahlen erstellen, damit wir die Besten bekommen können. Wir haben versucht, das selbst zu machen, und sind nach Kolkata gegangen. 1.400 Jugendliche sind gekommen, und wir waren zu dritt, das war unmöglich."
Seitdem versucht O’Donnel, ein leistungsfähiges Sichtungssystem auf regionaler Ebene zu etablieren. Denn seiner Ansicht nach "werden die Ausbildungszentren nur dann ein Erfolg, wenn die Sichtung in den einzelnen Staaten effektiv ist. Das nimmt Zeit in Anspruch, doch es ist der richtige Weg, davon bin ich überzeugt."
Welches sind die Ziele? Tatsächlich gibt es mehrere. "Das erste Ziel ist, das Niveau zu heben. Die Schwächen des indischen Fussballs, die wir ermittelt haben, sind mangelnde individuelle Technik und ein eingeschränkter Spielstil. Ich habe Jugendspiele beobachtet und gesehen, dass sich die Innenverteidiger etwa damit begnügen, einfach den Ball wegzuhauen, die Torhüter ebenfalls. Das wird Zeit kosten, doch wir versuchen, die Spieleröffnung von hinten einzuführen, was auch eher den körperlichen Voraussetzungen der Inder entspricht, denn sie sind nicht sehr imposant."
Das kurzfristige Ziel besteht im Aufbau einer konkurrenzfähigen U-17-Auswahl für 2017. Es bleiben also nur vier Jahre – doch der Plan ist gut durchdacht. "Nächstes Jahr wird es drei Akademien mit 19 Spielern des Jahrgangs 1999 und zwei Akademien mit jeweils 19 Spielern des Jahrgangs 2000 geben. Diese könnten die Grundlage der U-17-Mannschaft bilden, die die FIFA U-17-Weltmeisterschaft 2017 im eigenen Land bestreitet. Außerdem wird es noch vier weitere Akademien für Spieler des Jahrgangs 2000 geben, wodurch wir eine noch größere Basis für eine wettbewerbsfähige Mannschaft haben werden."
"Ein Vergnügen, mit jungen indischen Spielern zu arbeiten"
Aber auch die Herausforderungen sind groß. Neben der Sichtung sind auch die Infrastruktur und die Trainerausbildung zwei weitere wesentliche Faktoren. "Es gibt zum Beispiel Staaten wie Goa oder Mumbai, in denen Kunstrasenplätze benötigt werden, da es während des gesamten Monsuns unmöglich ist, auf Rasen zu spielen", erklärte der Australier. Und was die Trainer betrifft, müssen auch alte Denkweisen geändert werden, eine schwere Aufgabe. "Manche altmodischen Trainer sind Autoritäten und sie erschrecken die Jungen, die dann oft zumachen. Sie ziehen es dann vor, den Ball wegzuschlagen, um ja keinen anderen Fehler zu begehen. Wir wollen das Gegenteil: Dass sich die Jungen wohlfühlen, um zu spielen, um Risiken einzugehen und kreativ zu sein. Das ist ein Punkt, den wir bei den Trainerlehrgängen sehr betont haben."
Die Schwierigkeit, das korrekte Alter der Spieler zu ermitteln, da es keine systematische Erfassung gibt, oder die praktisch komplette Abwesenheit von Jugendabteilungen in den Klubs der I-League sind weitere Hindernisse, die berücksichtigt werden müssen. Es sind also noch zahlreiche große Baustellen vorhanden. Denn der Technische Direktor wünscht sich, dass seine Teams aus den Ausbildungszentren mindestens ein Wettkampfspiel pro Woche haben. Er hätte gerne, dass sich die Programme im Basisfussball weiter entwickeln, was die Arbeit der Sichter erleichtern würde. Und dass die Zusammenarbeit mit anderen privaten Akademien verstärkt wird. Kurz, er hat ehrgeizige Ziele.
Doch die Zufriedenheit und vor allem die Hoffnung überwiegen bei weitem die Unsicherheiten und Frustrationen der Vergangenheit. "Es ist ein wahres Vergnügen, mit jungen indischen Spielern zu arbeiten. Sie sind diszipliniert, sie machen alles, was du ihnen sagst, sie hören zu. Sie haben große Lust, besser zu werden. Als wir die Arbeit zum Thema Ballbesitz begannen, konnte man sofort sehen, dass es angenehmer für sie war. Sie schätzten es und lernten sehr schnell."
Selbst wenn O’Donnel mit beiden Füßen auf dem Boden steht, zeigt sich ein gewisser Glanz in seinen Augen, wenn er in die Zukunft blickt. "Die Austragung der U-17-Weltmeisterschaft wäre eine enorme Motivation für die Spieler, aber auch für die Trainer, die Betreuer, die Verwaltung. Es wäre eine so großartige Gelegenheit für die Spieler, aber auch, um mehr indische Trainer zu gewinnen und hochwertige Arbeitsbedingungen zu haben usw. Es ist sehr aufregend, denn es würde für alle ein mittelfristiges Ziel darstellen. Sogar ein langfristiges, denn diese Spieler könnten den Kern einer Mannschaft bilden, die an der Qualifikation für die WM 2022 teilnimmt..."