I‑League sucht noch nach der Erfolgsformel
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Indien: 1,2 Milliarden Einwohner, von denen sich 47 Prozent als Fussball-Fans bezeichnen, 765.000 Lizenzspieler im Jahr 2011 - doppelt so viele wie noch 2006. Angesichts solcher Zahlen ist es schwer vorstellbar, dass die I-League kein Erfolg werden sollte. Doch die indische Meisterschaft, die es in ihrer heutigen Form erst seit 2007 gibt, steckt noch immer in den Kinderschuhen. Es fehlen Sponsoren, die Einschaltquoten im Fernsehen sind allenfalls durchschnittlich, die Stadien selten ausverkauft.

Dabei lieben die Inder den Fussball eigentlich. Die Derbys von Kalkutta ziehen bis zu 100.000 Zuschauer an, die Nationalspieler sind richtige Stars und die Gehälter zählen zu den besten in Asien. Warum also bleibt der Erfolg aus? FIFA.com traf sich mit einigen Protagonisten des indischen Fussballs, um mehr über die Hintergründe zu erfahren und mögliche Lösungen zu erörtern.

Als FIFA-Präsident Joseph S. Blatter im März 2012 in Indien war, sprach er in Anbetracht der Bevölkerungszahl und der schieren Ausdehnung des Landes davon, es "eher mit einem Kontinent" zu tun zu haben. Aber was Indien als Staat zum Vorteil gereicht, ist für seine Fussball-Liga ein Nachteil.

Sunando Dhar, Geschäftsführer der I-League, erklärt: "Die drei großen Städte Kalkutta, Goa und Mumbai haben jeweils vier Mannschaften in der I-League. Das macht also zwölf der 14 Klubs in der ersten Liga. Dadurch wiederum hat die I-League nicht den Charakter einer 'Bundesliga'. Im Augenblick sind weder der Norden, noch der Süden oder die Mitte Indiens in der I-League vertreten. Daneben sorgt das Lizenzsystem dafür, dass es Vereine aus diesen Regionen sehr schwer haben, in der ersten Liga Fuß zu fassen."

"Wir arbeiten an Lösungen, wie wir die indische Meisterschaft sichtbarer und zukunftsfähiger machen können. Im Augenblick ist die I-League zu sehr auf bestimmte Regionen konzentriert", weiß auch Kushal Das, der Generalsekretär des indischen Fussballverbands AIFF. "Sie muss sich auf ganz Indien erstrecken."

45 Grad im Schatten
Das andere große Problem der I-League ist die Infrastruktur. "Die Stadien befinden sich nicht in Vereinshand. Sie müssen von den Behörden gemietet werden. Das bedeutet, dass die Klubs vielleicht Priorität genießen, aber trotzdem nicht Herr über ihr Programm sind und auch die Wartung der Stadien nicht in ihrer Hand liegt", führt Sunando Dhar weiter aus.

Mit Hilfe des FIFA-Programms In Indien mit Indien gewinnen konnten schon vier Kunstrasenplätze gebaut werden (in Mumbai, Shillong, Imphal und Bangalore); zwei weitere sind in Arbeit (in Goa und Kalkutta) - aber das genügt noch nicht.

Nur zwei Stadien verfügen über eine Flutlichtanlage, so dass auch bei einbrechender Dunkelheit gespielt werden kann. Die Infrastruktur ist noch ein echter Hemmschuh. Im Dezember wird die Renovierung des Mumbai Cooperage Stadium abgeschlossen sein, an der sich die FIFA finanziell beteiligt hat", hofft der Generalsekretär der AIFF.

Wieso Flutlichtanlagen so wichtig sind, erläutert Nationalspieler Robin Singh gegenüber FIFA.com. "In der I-League machen die Anstoßzeiten eine Menge aus", so der Stürmer vom FC East Bengal. "Nachmittags kann es hier bis zu 45 Grad heiß werden. Das ist nicht gut für uns Spieler und für das Spielniveau, das ist nicht gut für die Fans im Stadion und auch keine gute Zeit für Übertragungen im Fernsehen. Wenn sich die Anstoßzeiten ändern, würde das meiner Meinung nach Beliebtheit und Qualität der Meisterschaft steigern."

Nationalmannschaftstorhüter Subrata Pal vom FC Prayag United ist einer der ganz großen Stars im Land. Er fügt an: "Bis jetzt werden auch nicht alle Spiele im Fernsehen gezeigt, nur einige der Vereine aus Goa und Kalkutta."

Ein weiterer Punkt, den alle Protagonisten des indischen Fussballs monieren, sind die fehlenden Ausbildungszentren. "Wir haben es noch nicht geschafft, ein Ausbildungssystem zu schaffen, das Früchte trägt. Dank des Goal-Programms der FIFA bauen wir zur Zeit nicht nur Ausbildungszentren sondern haben auch komplette Strukturen geschaffen", sagt Kushal Das. "Die FIFA hat uns außerdem geholfen, regionale Akademien zu eröffnen. Das ist eine feine Sache. Aber in den großen Fussball-Ländern fällt das in die Verantwortung der Klubs. So muss es auch in Indien werden", fordert Sunando Dhar.

Die Gleichung ist denkbar einfach: Gute Ausbildung und gute Spieler gleich gesteigertes Interesse an der eigenen Meisterschaft gegenüber den großen europäischen Ligen. "Neben der Ausbildung eigener Spieler müssen wir aber auch gestandene Weltklasseleute ins Land holen. Robert Pirès und Hernan Crespo dürfen da nur der Anfang sein. Wenn diese beiden wie angekündigt wirklich kommen, wird die Beliebtheit der I‑League ganz schnell steigen", ist Sunando Dhar überzeugt. Er setzt sich zusammen mit dem I-League-Partner IMG-Reliance für ein Franchise-System aus Geldgebern ein, das von Unternehmen betrieben wird.

Beliebtheitspotenzial
Angesichts dieser Voraussetzungen hat niemand Angst um die I-League. Im Gegenteil. Denn in Indien gibt es ein riesiges, pulsierendes Beliebtheitspotenzial für Fussball. "Junge Leute in Indien schauen bereits öfter Fussball als Cricket", so Kushal Das. Fast 100 Millionen Inder haben die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ am Fernseher verfolgt.

Da genügt ein Funke und sie interessieren sich auch wieder für die indische Meisterschaft. Ein solcher Funke könnten große Siege der Nationalmannschaft sein. So wie beim Nehru Cup vor einigen Tagen gegen Kamerun. "Dieser Erfolg hilft. Das Stadion war zum Finale in Delhi fast ausverkauft, der Zuspruch der Inder am Fernsehen war enorm. Für den Fussball in Indien kann das nur gut sein und die Liga profitiert davon", ist Subrata Pal überzeugt.

Ein weiterer Schub für die I-League wäre die Ausrichtung eines großen internationalen Turniers. Die Protagonisten des indischen Fussballs schielen bereits auf die FIFA U-17-Weltmeisterschaft 2017. "Dieses Turnier auszurichten wäre für den indischen Fussball unzweifelhaft ein großartiges Sprungbrett. Es würde der Fussballwelt zeigen, dass wir eine solche Veranstaltung organisieren können. Und es würde uns die nötige mediale Aufmerksamkeit bringen. Die jungen indischen Spieler wären dadurch einmal im Blickpunkt der Sportwelt", glaubt Robin Singh.

Eines wird deutlich: Bei der Suche nach Veränderungen und Lösungen ziehen in Indien alle Betroffenen an einem Strang. "Die aktuelle Situation ist nicht ideal. Es muss sich etwas ändern, jedoch nicht auf Kosten der Klubs, des Fussballs oder der Funktionäre bei AIFF, AFC oder FIFA. Deshalb ist die von der FIFA ins Leben gerufene Task Force für den indischen Profifussball so wichtig. Sie vermittelt uns Fachwissen und Erfahrung, so dass wir die besten Lösungen entwickeln können", so Sunando Dhar.

Thierry Regenass, der zuständige FIFA-Direktor für Entwicklung und Mitgliederverbände, schließt: "Diese Task Force wird es dem Verband, der Liga, den Sponsoren, der AFC und der FIFA ermöglichen, die Dinge völlig neu zu strukturieren. Wir werden Spezialisten hinzuziehen, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es ist wichtig, einen Konsens zu finden. Das hat für uns Priorität, darauf arbeiten wir hin."