Dzsenifer Marozsan - die Frau für das Besondere
© AFP

Als das Runde in der 33. Minute ganz langsam in Richtung des Eckigen kullerte, wollte Dzsenifer Marozsan mit dem Jubeln einfach nicht mehr so lange warten, bis der Ball endlich die Torlinie überquert hatte. Die Torschützin in spe fiel Vorbereiterin Anja Mittag schon vor dem entscheidenden Treffer im EM-Halbfinale der deutschen Fussballerinnen gegen Schweden (1:0) in die Arme.

"Ich habe gezittert. Ich dachte, bei meinem Glück geht der an den Pfosten. Aber Anja ist auf meinen Rücken gesprungen, bevor der Ball drin war. Da wusste ich, dass er reingeht, und wir haben schon gejubelt", sagte die gebürtige Ungarin am Donnerstag - einen Tag, nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass die Titelverteidigerinnen dem sechsten EM-Triumph in Folge und dem achten insgesamt zum Greifen nahe gekommen sind. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl. So ein Tor habe ich noch nie geschossen. Deshalb bin ich auch sehr spät eingeschlafen. Die Emotionen waren hoch, die Szene noch im Kopf."

Dass die 21 Jahre alte Spielmacherin vom siebenmaligen deutschen Meister 1. FFC Frankfurt diesen Treffer erzielen durfte, hatte sie allerdings nur dem Pech ihrer künftigen Klubkollegin Celia Okoyino da Mbabi zu verdanken. Nur weil die Torjägerin wegen einer Oberschenkel-Zerrung nicht auflaufen konnte, rückte Marozsan wieder in die Startelf. Im Viertelfinale gegen Italien (1:0) hatte die U-20-Weltmeisterin von 2010 noch eine knappe Stunde auf der Bank schmoren müssen.

"Ich wusste rechtzeitig vorher, dass ich nicht spiele. Das war kein Problem, das war mit der Bundestrainerin abgesprochen", sagte die beste Spielerin der FIFA U-20-WM 2012 ohne Zorn beim Blick zurück. Dennoch musste Marozsan offenbar erst von Silvia Neid gekitzelt werden, um eine Topleistung zu bringen. "Ich habe ihr gesagt, dass sie da weitermachen soll, wo sie gegen Italien aufgehört hat. Dann werden die Schwedinnen Probleme bekommen", sagte die Trainerin, die sich bei der letzten Einheit vor der Partie Zeit für ein Gespräch mit "unserer besten Fussballerin" genommen hatte.

Mit dem Rucksack des Ausnahmetalents, das immer Besonderes leisten soll, muss die Tochter des viermaligen ungarischen Nationalspielers János Marozsan seit ihrer Kindheit leben. Die U-17-Europameisterin von 2008, die 1996 mit ihren Eltern ins Saarland zog, absolvierte am 18. November 2006 im Alter von erst 14 Jahren und sieben Monaten ihr erstes Bundesliga-Spiel für den 1. FC Saarbrücken. Damit ist Marozsan, die nur neun Monate später zum ersten Mal in der Eliteklasse traf, die jüngste Bundesliga-Spielerin und -Torschützin aller Zeiten.

Das Talent von "Maro" erkannte auch Manager Siegfried Dietrich vom damaligen Branchenprimus aus Frankfurt. Der FFC-Macher holte Marozsan im Jahr 2009 an den Main, wo sie zuletzt ihren Vertrag bis 2016 verlängerte. Nachdem die gebürtige Budapesterin am 28. Oktober 2010 ihr Debüt in der Nationalmannschaft gefeiert hatte, musste Marozsan ein halbes Jahr später zum ersten Mal einen Rückschlag in ihrer Karriere verkraften. Ein Innenbandriss im rechten Knie sorgte dafür, dass sie die Heim-WM 2011 verpasste.

Dass Marozsan, die immer wieder Rat bei ihrem Vater sucht ("Seine Meinung ist mir wichtig, weil ich weiß, dass er Ahnung hat"), der Mannschaft schon vor zwei Jahren geholfen hätte, ist reine Spekulation. Dennoch weiß Neid, was sie an ihrem Schützling hat: "Technisch hat sie alles drauf. Sie hat viel Spielwitz, einen guten Schuss und kann tolle Pässe spielen. Sie muss nur noch mehr Konstanz in ihre Leistungen bringen."