Herdman: Meine Highlights des Jahres
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In einer Zeit, in der es Trainer vermeiden, einzelne Spieler hervorzuheben und damit zu riskieren, den Unmut anderer Akteure auf sich zu ziehen, kommen die Worte des kanadischen Frauen-Nationaltrainers John Herdman über sein Highlight 2012 für FIFA.com durchaus überraschend: "Das Beste in diesem Jahr war die Zusammenarbeit mit Christine Sinclair!"

"Als Trainer muss man die Möglichkeit nutzen, mit einzigartigen Menschen zu arbeiten. Sie hat mir in meiner Entwicklung enorm weitergeholfen und umgekehrt. Ich denke, wir haben als Trainer-Spieler-Gespann das Beste aus uns herausgeholt", erklärte Herdman.

"Sie hat in diesem Jahr die Lou-Marsh-Trophäe [für Kanadas Sportler des Jahres] gewonnen, mit der in der Vergangenheit Superstars wie Wayne Gretzky ausgezeichnet wurden. Das zeigt deutlich, welch hohes Ansehen sie in Kanada genießt", so Herdman weiter. "Sie bleibt nach dem Training noch 20 bis 25 Minuten auf dem Platz, um Freistöße zu üben. Ihre Begeisterung für Fussball ist geradezu ansteckend. Für jemanden, der so viel erreicht hat, verlangt sie nur sehr wenig."

Vom "Underdog" zum Hochkaräter
Der Aufschwung der kanadischen Frauen-Nationalmannschaft im Allgemeinen und von Sinclair im Besonderen begann mit der Verpflichtung des ehemaligen neuseeländischen Trainers Ende 2011. Herdman übernahm eine Mannschaft, die bei der FIFA Frauen-WM in Deutschland alle drei Spiele verloren hatte. Daher räumte den Kanadierinnen kaum jemand eine Chance beim Olympischen Fussballturnier ein.

Doch Herdman führte die Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2012 in London zur Bronzemedaille, nachdem Diana Matheson mit ihrem Siegtreffer in der Nachspielzeit im Spiel gegen Frankreich den Platz auf dem Podium sichergestellt hatte.

"Das war ein fantastisches Jahr"
"Bei den Olympischen Spielen hat sich die ganze Mannschaft bis auf Christines Niveau gesteigert", sagte er. "Vor allem Melissa Tancredi ist mit vier Treffern über sich hinaus gewachsen. Wir haben den zweiten Platz in der Torschützenliste belegt und von den vier besten Torjägerinnen spielten zwei in unserer Mannschaft. Bei der letzten Weltmeisterschaft konnte Kanada keinen einzigen Treffer erzielen. Diesmal haben wir eine großartige Mannschaftsleistung gezeigt. Alle haben an einem Strang gezogen und das Turnier genossen. Für uns war jede einzelne Minute ein großartiges Erlebnis.

Kanada hatte seit 1936 keine Olympische Mannschaftsmedaille mehr gewonnen - weder bei den Männern, noch bei den Frauen - und wir wussten, dass dieses Team noch nie über das Viertelfinale hinausgekommen war. Kanada galt stets als vielversprechende Mannschaft, konnte die Erwartungen aber nie erfüllen. Doch diesmal hat es geklappt. Das war eine sehr aufregende Zeit. Die Führungspersönlichkeiten konnten ihre Aufgabe erfüllen und sich in einen Rausch spielen. Das war ein fantastisches Jahr."

Mehr Profi-Spielerinnen
Anfang 2013 wird Herdman mit seiner Mannschaft zu einem Vier-Nationen-Turnier nach China reisen und anschließend zum Cyprus Cup, den Kanada 2012 beinahe gewonnen hätte. Er ist auch von der Aussicht auf die erste Saison der neuen National Women's Soccer League begeistert, in der viele seiner Spielerinnen Profi-Verträge unterzeichnet haben.

"Wir hatten noch nie gleichzeitig 16 kanadische Spielerinnen mit Profi-Verträgen auf einem Kontinent und in der gleichen Liga", sagte er. "Das ist für uns ein großer Schritt nach vorne. Vor allem für die Entwicklung unserer Spielerinnen ist das sehr wichtig. Wenn auch die jüngeren Spielerinnen in Profi-Ligen unterkommen, würde uns das enorm weiterhelfen."

Wiedersehen mit einem alten Rivalen
Im kommenden Jahr gibt es für Herdman ein Wiedersehen mit seinem alten Rivalen, nachdem der U.S.-amerikanische Verband Tom Sermanni zum neuen Cheftrainer der Frauen-Nationalmannschaft der USA bestellt hat. Während der Engländer in Ozeanien bei der neuseeländischen Frauen-Nationalmannschaft engagiert war, fungierte der Schotte als australischer Chefcoach. Herdman betonte, dass die Rivalität mit seinem britischen Landsmann zwar intensiv, aber freundschaftlich sei.

"Ich freue mich schon darauf, wieder mit ihm zu sprechen, denn das ist schon eine Weile her", sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen. "Während meiner Zeit in Neuseeland ist es mir niemals gelungen, seine australische Mannschaft zu besiegen. Er hat mich in jedem Spiel in die Schranken gewiesen! Tommy ist ein großartiger Trainer. Er hat enorm viel Erfahrung im Frauenfussball und ist außerdem ein Taktikfuchs. Jedes Mal, wenn er sich mit Australien für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, ist seine Mannschaft über sich hinausgewachsen. Er hat maßgeblichen Anteil am Aufbau dieses Teams, führte es durch schwierige Zeiten und erzielte großartige Ergebnisse. Die USA haben nun einen fantastischen Trainer, der auch ein fantastischer Mensch ist."

Vorfreude auf 2015
Nach dem Erfolg seiner Mannschaft bei den Olympischen Spielen gibt sich Herdman hinsichtlich der Zukunft des Frauenfussballs in Kanada optimistisch - nicht zuletzt dank der bevorstehenden FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015.

"Kanada hat große Lust auf Frauenfussball", betonte er. "Dieser Sport hat sich durchgesetzt und die Leute kennen auch die Spielerinnen. Im Sommer hat sich das ganze Land in diese Mannschaft verliebt. Der Statistik zufolge hat jeder dritte Kanadier das Halbfinalspiel gegen die USA verfolgt - das sind zehn Millionen Menschen. Die Spielerinnen, Trainer und das Personal werden noch immer auf der Straße angesprochen. Man spricht nach wie vor von den Olympischen Spielen und von unserer nächsten großen Chance, die sich 2015 bieten wird."

"Das Großartige an unserer Mannschaft ist ihre Einstellung, die sich deutlich geändert hat. Diese Mannschaft hatte auf globaler Ebene noch nie etwas Großes gewonnen. Nun haben wir die Bronzemedaille in der Tasche und keine Angst mehr vor einem Scheitern", so Herdman. "Wenn die innere Erwartungshaltung hoch ist, hat man bessere Chancen, etwas Derartiges zu wiederholen. Das ist unser Ziel für die Zukunft", meinte er zum Abschluss.