Feifel: "Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft"

Wenn sich das Jahr so langsam dem Ende entgegen neigt, ist es für viele Menschen die perfekte Zeit, die abgelaufenen zwölf Monate noch einmal Revue passieren zu lassen und sich gedanklich mit dem kommenden Jahr zu beschäftigen. 2012 war für Achim Feifel definitiv ein Jahr der großen Veränderungen. Im September wagte der langjährige Trainer des Frauen-Bundesligisten Hamburger SV den Schritt nach Russland und betreut dort seit knapp drei Monaten den nationalen Champion FC Rossiyanka.

"Nach dieser kurzen Zeitspanne kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich diesen Schritt nicht bereue, ganz im Gegenteil. Für mich persönlich war es ein guter Schritt, um sich weiter zu entwickeln", erzählt Feifel, der sich nicht nur mit einer neuen Sprache und einem neuen Umfeld, sondern auch mit einer völlig anderen Mentalität auseinandersetzen muss, im exklusiven Interview mit FIFA.com. "Man hat große Hürden vor sich, aber es hat sich insgesamt sehr positiv entwickelt. Es hat mir Riesenspaß gemacht, mit der Mannschaft zu arbeiten, und diese Zusammenarbeit hat 'peu à peu' Früchte getragen. Die Spielerinnen haben schnell zueinander gefunden, trainieren eifrig und setzen die Dinge gut um."

Das erste Mal mit dem Frauenfussball in Kontakt kam Feifel 1999 als Verbandssportlehrer in Baden-Württemberg, wo er neben Männerteams auch Frauen-Auswahlmannschaften trainierte. Seitdem ist er der weiblichen Seite des Sports treu geblieben. 2002 zog es ihn an die Alster zum Hamburger SV, dessen Geschicke er bis zu seinem Wechsel nach Russland von der Seitenlinie aus leitete. Der 48-jährige Fussballlehrer weiß also, wovon er spricht, wenn er die deutsche Bundesliga mit der russischen Supreme Division vergleicht.

Schlafender Riese mit großem Potenzial
"Der größte Unterschied besteht in der Qualität in der Breite. Das Niveau des deutschen Frauenfussballs ist weltweit an der Spitze anzusiedeln. In Russland sind, auch wegen der Entfernungen, die Strukturen nicht so gut aus- und aufgebaut", beschreibt Feifel. "In so einem riesigen Land ist es viel schwieriger, eine Talentsichtung und -förderung zu betreiben, als zum Beispiel in Deutschland. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Entfernungen letztendlich zurückgelegt werden müssen. Auch von Spielerinnen, die außerhalb wohnen."

In der FIFA Frauen-Weltrangliste belegt Russland derzeit Rang 20 hinter Finnland. Die letzte FIFA Frauen-WM bestritt Russland im Jahr 2003, für die Auflagen in China VR und Deutschland konnte sich die Nationalmannschaft nicht qualifizieren. Ob Russland irgendwann im Chor der großen Frauenfussballnationen mitsingen kann, wagt der erfahrene Trainer nicht vorauszusagen.

"In Deutschland wird der Sport vom Dachverband gefördert. Wenn man sieht, was bereits in den jüngsten Altersklassen gemacht wird, wie die Sichtung strukturiert und organisiert ist in den ganzen Landesverbänden, dann hat man in einem Land wie Russland noch einen weiten Weg vor sich. Gute Spielerinnen gibt es hier auch. Ich habe einige davon in meiner Mannschaft. In Russland ist wirklich gutes Potenzial vorhanden, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Das sind sozusagen schlafende Riesen", so Feifel.

"Letztendlich entscheidet der Zuschauer"
Um den Frauenfussball in Russland weiter nach vorne zu bringen, muss sich seiner Ansicht nach strukturell vieles verändern. Auch in Bezug auf Medienwirksamkeit, Vermarktung und Außendarstellung liegt noch vieles im Argen – nicht nur in Russland.

"Die großen Turniere werden nur dann eine Nachhaltigkeit haben, wenn die Vereine damit beginnen, mehr Energie für die Öffentlichkeitsarbeit und die Vermarktung aufzuwenden, um die Sportart weiter in den Fokus zu rücken. Letztendlich entscheidet der Zuschauer. Wenn nur 300 Zuschauer am Wochenende da sind, dann wird man auch wahrscheinlich nicht viele Sponsoren finden", bringt es Feifel auf den Punkt. "Deutschland ist da schon auf einem guten Weg, in anderen Ländern sind nach wie vor noch große Schwierigkeiten zu sehen."

Mit dem FC Rossiyanka bewegt sich Feifel auf jeden Fall schon mal in die richtige Richtung. In der Liga rangiert der Titelverteidiger zwar derzeit "nur" auf Platz zwei, hat aber auch ein Spiel weniger absolviert als der Tabellenfüher. Auch in der UEFA Champions League befindet sich Rossiyanka auf Kurs, auch wenn im Viertelfinale mit dem VfL Wolfsburg ein schwerer Brocken wartet. "Favorit ist ganz klar Wolfsburg. Da wurde in den letzten Jahren eine super Mannschaft aufgebaut mit zig Nationalspielerinnen, die eine riesige Qualität, auch in der Breite, hat. Aber so schlecht sind wir auch nicht. Ich denke, dass man in Spielen mit Pokalcharakter auch definitiv immer eine Chance hat. Wir werden uns optimal vorbereiten und versuchen, eine Runde weiterzukommen", so Feifel abschließend.

Unser vollständiges Exklusiv-Interview mit Achim Feifel können Sie am morgigen Freitag hier auf der deutschen Sprachversion von FIFA.com lesen!