Bibiana Steinhaus: "First Lady" der deutschen Schiedsrichter
© FIFA.com

Als Bibiana Steinhaus zuletzt beim G8-Gipfel in ihrem Hauptberuf als Polizistin im Einsatz war, hat sie mit Sicherheit die Gelegenheit genutzt, Bundeskanzlerin Angela Merkel mal genauer zu beobachten. Der Politikerin gelang es nämlich, sich als Gastgeberin in Heiligendamm gegen sieben männliche Kollegen zu behaupten. So ähnlich wird es bald auch der 28-Jährigen gehen. Nur, dass sie auf dem Fussballfeld gar mit 22 Herren zu tun haben wird. "Frau Merkel hat Durchsetzungsvermögen bewiesen. Mal sehen, wie viel ich mir davon abgeschaut habe", erklärte sie am Montag auf einer Pressekonferenz in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Als erste Frau wird Steinhaus, ihres Zeichens Schiedsrichterin des Jahres 2007, ab der kommenden Saison Profi-Spiele der Männer in Deutschland pfeifen und soll sich fortan in der Zweiten Bundesliga bewähren. "Ich will vor allem konsequent mit den Teams umgehen und kommunikativ sein. Ich habe einen hohen Anspruch an meinen eigenen Perfektionismus. Mal sehen, wo mich das hinführt", erklärte die hoch gewachsene und durchaus mit Selbstvertrauen auftretende Dame, die außerdem mit einer Menge Charme und Humor ausgestattet ist.

Dass sich für die in Bad Lautenberg im Harz geborene Steinhaus künftig eine Menge ändern wird, ist ihr durchaus bewusst. "Die Medienpräsenz wird sich sicher erheblich steigern, wie man hier ja schon sehen kann", sagte die neue "First Lady" des deutschen Schiedsrichterwesens bei ihrer Präsentation und brachte dabei selbst die beiden rechts und links von ihr sitzenden Harald Stenger, Kommunikationsdirektor des DFB, und Volker Roth, Vorsitzender des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, zum Schmunzeln. Eine Menge Blitzlichtgewitter, zahlreiche Fernsehkameras und immerhin rund 60 Journalisten hörten der sympathischen Vorzeige-Schiedsrichterin bei diesem außergewöhnlichen Anlass aufmerksam zu.

"Alle starten bei Null"
Allerdings ist es nicht so, als würde man Steinhaus auf nationaler Ebene noch nicht kennen. Seit 1999 pfeift sie regelmäßig die Topspiele der Frauen-Bundesliga, seit 2001 ist sie Unparteiische in der drittklassigen Regionalliga der Männer und seit 2005 gehört sie der FIFA-Liste der Schiedsrichterinnen an. Zudem kennt sie sich in der Zweiten Liga bereits bestens aus, denn seit 2004 ist sie dort als Assistentin im Einsatz. "Je mehr Zuschauer im Stadion sind, umso weniger hört man, was die sagen", gab sie auf ihre typische Art Einblicke in ihre Gefühlswelt, nun auch Chancen zu haben, Heimspiele der beliebten Traditionsvereine wie dem 1. FC Köln, dem 1. FC Kaiserslautern, dem TSV 1860 München oder Borussia Mönchengladbach leiten zu dürfen.

Vor allem ihre Ausstrahlung ist es, die niemanden daran zweifeln lässt, dass sie sich in ihrem neuen Metier durchsetzen wird. Verblüffend bestimmend und zielstrebig hatte Steinhaus auf jede Frage eine Antwort. Konsequent geht sie ihren Weg. Und dennoch wirkt sie dabei unglaublich locker. "Ich verschaffe den Regeln Geltung und bleibe transparent. In meinen beiden Tätigkeiten bin ich sozusagen Exekutivkraft. Das ist schon von Vorteil", spielte Steinhaus auf ihren eigentlich Job als Polizistin an. Angst vor der neuen Herausforderung hat sie deshalb keine: "Alle starten bei Null: Trainer, Spieler und auch die Schiedsrichter", bekräftigte sie, und wies auch darauf hin, dass für sie "keine Extrawurst gebraten" wird.

"Wir wollen sie behutsam aufbauen"
Während in anderen Ländern wie in der Schweiz Schiedsrichterinnen wie Nicole Petignat bereits in der obersten Liga der Männer Spiele leiten, traut Roth auch Steinhaus eine solche Entwicklung zu. "Wir haben Bibiana seit einigen Jahren beobachtet. Sie wird ihren Weg gehen. Allerdings wollen wir sie behutsam aufbauen", so der 65 Jahre alte Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses. Stolz weißt der ehemalige Unparteiische von Weltformat darauf hin, dass seine neueste Entdeckung bereits Heimspiele des nun wieder in die Zweite Liga aufgestiegenen Hamburger Kultklubs FC St. Pauli oder als damals 23-Jährige das emotionsgeladene Derby der beiden ostdeutschen Traditionsadressen Chemnitzer FC und Erzgebirge Aue souverän gepfiffen hat.

"Ich freue mich sehr über das Vertrauen und werde hart arbeiten, das zu bestätigen", versprach Steinhaus an die Adresse von Roth, gab allerdings auch im Hinblick auf ihre männlichen Kollegen zu: "Vielleicht muss ich das ein oder andere Mal härter trainieren als der Rest. Man darf nicht vergessen, dass das, was wir Schiedsrichter tun, Leistungssport ist." Unklar ist unterdessen noch, wer sie künftig an der Seitenlinie assistieren wird. Auf jeden Fall werden es aber zwei Männer sein.

Eigener Vater als Vorbild
Bleibt noch die Frage, wie sie überhaupt dazu gekommen ist, Fussballspiele zu leiten? "Das ist mir wohl ein wenig in die Wiege gelegt worden, denn mein Vater ist Schiedsrichter und pfeift auch heute noch auf Kreisebene und bei Spielen der Alten Herren", verriet sie, ohne aber einen zweiten Namen nicht zu vergessen: "Wolfgang Illhardt, der Schiedsrichter-Obmann meines Vereins SV Bad Lautersberg, war mein Zievater und zugleich mein härtester Kritiker." Und am Ende erinnerte sie sich schließlich augenzwinkernd in einem Nebensatz: "Ich habe auch mal selbst gespielt, als linke Verteidigerin. Aber das war nicht so Erfolg versprechend, deshalb habe ich mich dann schnell darauf konzentriert, Schiedsrichterin zu sein."

1995 stand Gertrud Gebhard in der Bundesliga der Männer schon einmal in zwei Spielen als Assistentin an der Linie. Es sieht ganz danach aus, als könne es Steinhaus ihr nicht nur nachmachen, sondern vielleicht sogar mittelfristig eine Partie der höchsten deutschen Fussball-Klasse selbst leiten. Sie selbst wollte zu diesem Ziel lieber nichts sagen, das übernahm Roth für sie: "Es geht nur nach Leistung." Insofern stehen die Chancen für Steinhaus ja gar nicht schlecht...