Das Reich der Löwen
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Seit dem Sieg bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1966™ treibt den englischen Fussball die immer gleiche Frage um: Wie konnte es passieren, dass das Mutterland des Fussballs technisch derart ins Hintertreffen geraten ist?

Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ und der UEFA EURO hatten sich die Three Lions zuletzt an Portugal, Deutschland und Italien die Zähne ausgebissen. Während sie mit Frankreich und Spanien um den Titel spielten, betrieb England Ursachenforschung. Mangelhafte Kontrolle von Ball und Gegner - so das Fazit nicht nur von Kapitän Steven Gerrard.

Ein Grund für die technischen Mängel liegt sicher daran, dass die Trainerausbildung in England über Jahrzehnte vernachlässigt wurde. Während Frankreich, Italien und Spanien schon vor Jahren Kaderschmieden - Clairefontaine, Coverciano und Ciudad del Fútbol - eröffneten, stand England mit leeren Händen da.

Das war einmal, denn mit dem neuen nationalen Fussballzentrum St. George’s Park hat auch der englische Fussball die Zeichen der Zeit erkannt. Mit der beeindruckenden Multifunktionsanlage auf 130 Hektaren inmitten von Seen, Wäldern und Spazierwegen in den englischen West Midlands hat nun auch das Mutterland des Fussballs endlich eine Talentschmiede für Trainer, die vom Kinder- bis zum Spitzenfussball bessere Spieler ausbilden sollen.

Pläne für ein nationales Zentrum bestanden schon seit 1975, wurden aber immer wieder verschleppt und anderen Projekten geopfert, etwa dem Bau des neuen Wembley-Stadions. Als das Projekt endgültig in der Schublade zu verschwinden drohte, machte der englische Verband Nägel mit Köpfen und gab 2008 für den St. George's Park endlich grünes Licht-

"Unsere 24 Teams waren immer auf Achse und hatten nie ein eigenes Trainingszentrum", erklärt David Sheepshanks, Präsident des St. George’s Park. "Manchester United, Arsenal oder auch Chelsea hätten es ohne eine eigene Trainingsbasis nie und nimmer so weit gebracht."

Topmodern
Schon beim ersten Blick wird klar, dass es den künftigen Spitzentrainern und -spielern hier an nichts fehlen wird. St. George’s Park lässt keine Wünsche offen.

Das Trainingszentrum, das in nur gerade 17 Monaten für 100 Millionen Pfund hochgezogen wurde, bietet eine topmoderne Fussballinfrastruktur mit zwölf Fussballfeldern - fünf davon mit Bodenheizung und Flutlicht -, einer Höhenkammer, einem Hydrotherapie-Bereich, einer riesigen sportmedizinischen und sportwissenschaftlichen Abteilung, einem olympischen Schwimmbecken, fünf Fitnessräumen, einer Futsal-Halle, einer 60 Meter langen Sprintrampe und gar einer eigenen Bibliothek, in der so einige Trainerlegenden vertreten sind. Rund 70 Verbandsangestellte werden hier arbeiten.

Sheepshanks, der früher die englische Football League leitete, will aus der imposanten Anlage ein dynamisches Mekka des englischen Fussballs machen. Der ehemalige Präsident von Ipswich Town hat auf der Suche nach den besten Ausbildungs- und Trainingskonzepten die ganze Welt bereist und neben den genannten Kaderschmieden in Frankreich, Italien und Spanien auch den Aspire-Komplex in Katars Hauptstadt Doha und das australische Sportinstitut in Canberra besucht. Der Aufwand hat sich gelohnt. Selbst der Speisesaal ist bis ins letzte Detail durchdacht und soll den Ideen- und Erfahrungsaustausch fördern.

Koordiniert wird die Arbeit des Zentrums vom technischen Direktor des Verbands, der derzeit rekrutiert wird. Wer es auch sein mag, für Sheepshanks wird der Neue bei der Konzipierung der Trainerausbildungsprogramme und der Ernennung der Trainerinstrukteure in jedem Fall eine zentrale Rolle spielen.

"Der technische Direktor ist für die künftige Entwicklung des Fussballs fast so wichtig wie der Nationaltrainer", betont er.  "Der Lehrer hat entscheidenden Einfluss. Im Kinderfussball sind allzu schlecht qualifizierte Trainer tätig. Das muss sich ändern. Dazu brauchen wir unbedingt eine Karriereplanung."

Sheepshanks denkt dabei weit über die Insel hinaus: "Wir werden unsere Fühler weit ausstrecken, weil wir mit diesem Zentrum in der Lage sind, die Besten zu uns zu holen. Wir haben einige herausragende Trainerausbilder in diesem Land, aber wenn wir zu den Besten gehören wollen, sollten wir uns von der Idee verabschieden, ausschließlich einheimische Trainerinstrukteure beschäftigen zu wollen. Allerdings sollte man das Kind auch nicht mit dem Bade ausschütten. Der englische Fussball hat auch viele Stärken. Wir müssen deshalb versuchen, beides zu verbinden."

Wenig Trainer
Sheepshanks ist überzeugt, dass sich der englische Fussball vor allem mit seinem Nationalteam derzeit unter Wert verkauft. Die Premier League mag weltweit enorm populär sein, aber ihr Erfolg basiert nicht wirklich auf einheimischen Spielern, sondern auf hochkarätigen internationalen "Importen".

"Wir haben alle gesehen, wie die Spanier mit ihrer überragenden Technik ihren Europameistertitel verteidigt haben", sagt Sheepshanks. "Wir werden hart daran arbeiten, wieder Erfolg zu haben. Dazu benötigen wir mehr technisch versierte Spieler."

Doch das braucht Zeit. Ehe England auf allen Stufen wieder zu den Sieganwärtern gehört, kann es gut und gerne nochmals zehn Jahre dauern. Dessen sind sich auch der FA und Sheepshanks bewusst: "Frankreich eröffnete 1988 Clairefontaine und wurde zehn Jahre später Weltmeister. In England müssen wir uns zuerst darauf konzentrieren, mehr qualifizierte Trainer auszubilden."

Der Grund dafür liegt auf der Hand, denn hoch qualifizierte Trainer sind in England Mangelware. Darüber mag auch die Berufung des renommierten Roy Hodgson zum englischen Nationaltrainer nicht hinwegtäuschen, mit der sich der FA bewusst vom ausländischen Trainermodell abgewendet hat.

Denn gemäß neusten Zahlen waren in den letzten fünf Jahren nur gerade 2.769 Engländer im Besitz einer B-, A- oder Pro-Lizenz der UEFA, in Spanien waren es 23.995, in Italien 29.420, in Deutschland 34.970 und in Frankreich 17.588. Wenn alles nach Plan läuft, sollen im St. George's Park von nun an jedes Jahr 800 Trainer ausgebildet werden.

"Wir haben landesweit sieben Millionen Spieler. Auf 69 Spieler kommt damit nur gerade ein Trainer", beklagt Sheepshanks. "Wenn wir es richtig anpacken und bis 2018 wie geplant 250.000 Trainer haben, wird das Verhältnis 25:1 sein. Besser qualifizierte Trainer bedeuten bessere Spieler."

Elite im Fokus
Zu diesem Zweck konzentriert sich der St. George's Park voll auf die Elitetrainerausbildung und die 24 Nationalteams. Den Reigen eröffnet im August die U-17-Auswahl. Nächster Gast sind die Three Lions, die sich auf der neuen Anlage für die beiden Qualifikationsspiele gegen San Marino und Polen im Oktober den letzten Schliff holen wollen.

"Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass alles zusammenpasst. Wenn wir das schaffen, sollte der FA nie mehr gezwungen sein, Trainer im Ausland zu engagieren. Daran wird sich unser Erfolg messen lassen", erklärt Sheepshanks. "Die Teams der Premier League verpflichten ausländische Trainer, weil sie glauben, dass sie die besten sind. Ich sehe das etwas anders. Wir haben einige sehr talentierte Trainer, aber zuwenige. Wir müssen mehr qualifizierte Trainer ausbilden, so dass die Klubs in etwa zehn Jahren nicht mehr von vornherein im Ausland suchen."

Dass sich die enormen Investitionen dereinst auszahlen, ist keineswegs garantiert, aber der FA glaubt fest daran, dass der St. George's Park in Form von Erfolgen Gewinn abwerfen wird - wenn auch nicht in der Ära Hodgson, so doch langfristig.

"Man spricht im Sport immer vom Kollektiv. Das war zweifellos eine Teamleistung", betont Sheepshanks. "Bis zu 3.800 Menschen arbeiteten gleichzeitig an diesem Projekt. In einer Zeit, wo das Geld knapp ist, war das eine mutige Entscheidung, die sich aber auszahlen wird."

Wie sehr Sheepshanks an das Projekt glaubt, zeigen auch seine weiteren Zukunftspläne: "Das ist ein langfristiges Projekt. Wir sprechen von 2020, alles was früher kommt, ist extra. Wenn - und nicht falls - wir den nächsten großen Titel gewinnen - egal ob Europa- oder Weltmeisterschaft -, bauen wir hier ein großes Zelt auf und lassen es so richtig krachen!"

Riesenspaß auf Minifeldern
Das nationale Zentrum zur Trainerausbildung im St. George’s Park ist nur ein Teil der Strategie, mit der der englische Fussballverband (FA) den Sport für die Zukunft fit machen will. Ebenso wichtig sind die Kinderfussballinitiativen.

Als England bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ im Achtelfinale ausschied, war schnell klar,dass die englischen Kicker auf allen Positionen spielerisch zulegen müssen. Mangelnde Ballkontrolle war das Fazit einer ersten Analyse, worauf die Nachwuchsarbeit auf Herz und Nieren geprüft wurde. Ergebnis waren 25 Empfehlungen wie mehr Ballberührungen und kleinere Spielfelder für Kinder und Jugendliche, die mit überwältigender Mehrheit angenommen wurden und ab der Saison 2013/2014 umgesetzt werden.

Damit wird die Jugendarbeit auf eine völlig neue, moderne Grundlage gestellt. Nicht mehr Siegen um jeden Preis, sondern eine nachhaltige spielerische Entwicklung, wie sie bislang kaum möglich war, steht nun im Vordergrund. Der englische Fussball soll damit ein völlig neues Gesicht erhalten, so wie es der Deutsche Fussball-Bund nach dem enttäuschenden Aus in der Gruppenphase bei der UEFA EURO 2000 vorgemacht hat, indem er ein völlig neues Jugendsystem auf die Beine gestellt hat.

"Unsere Studien zeigen, dass wir die Kinder zu früh auf großen Feldern trainieren lassen", erklärt Nick Levett, nationaler Entwicklungsleiter beim FA und treibende Kraft hinter der neuen Strategie. "Wir zwingen den Jugendlichen ein Erwachsenenformat auf und bieten ihnen nicht das, was sie vom Fussball erwarten."

Ab 2013/2014 werden Kinder bis sieben und acht Jahre fünf gegen fünf spielen, bis neun und zehn sieben gegen sieben und bis elf und zwölf neun gegen neun, und zwar auf Minifeldern.

"Die Kinder kommen damit mehr zum Spielen", sagt Levett. "Bei unseren Befragungen hat uns etwa ein Kind gesagt, dass es ein Torhüten müsse, das so groß sei, dass Erwachsene die Netze mit einer Leiter montieren müssten. Wir lassen Kinder auf gleich großen Feldern trainieren wie Erwachsene. Die Kinder haben uns deshalb gesagt, dass es nicht mehr um Talent und Technik gehe, sondern darum, wer den Ball am weitesten spielen könne."

"Kleine Spielformate bedeuten mehr Ballberührungen, mehr Dribblings, mehr Schüsse und mehr Zweikämpfe", fügt er an. "Kleine Kinder auf einem Spielfeld für Erwachsene spielen zu lassen, ist Unfug. Es ist kein Zufall, dass die Niederländer lange vier gegen vier gespielt haben, und die Spanier haben soeben das Alter heraufgesetzt, ab dem sie elf gegen elf spielen."

Da Eltern oftmals vergessen, dass Fussball nicht in erster Linie Wettkampf, sondern Spaß bedeutet, hat der Verband auch eine Broschüre herausgegeben. Sie soll den Eltern zeigen, wie sie ihre Kinder sinnvoll unterstützen und sich besser verhalten können, indem sie auf Kritik am Schiedsrichter verzichten und andere Spieler respektieren. Hinzu kommt eine neue Wettbewerbsstrategie. So soll auf Grundschulebene neu ohne Ranglisten gespielt werden, damit nicht das Ergebnis, sondern das Spiel im Zentrum steht.

Levett und sein Team wissen, dass die allermeisten Kinder, die aus Spaß Fussball spielen, nie auch nur in die Nähe einer Profi-Karriere kommen. Die Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass die Chance, sich mit 21 Jahren einen Profi-Vertrag zu ergattern, bei lediglich 0,0017 % liegt. Dennoch ist der Verband überzeugt, dass dieser Ansatz der richtige ist und sich sowohl für das Nationalteam als auch für die vielen Hobbysportler auszahlen wird.

"Die meisten jungen Kinder und Jugendlichen, die mit dem Fussball beginnen, werden davon profitieren. Wenn wir auf Kinderstufe bessere Spieler ausbilden, werden wir auch im Profi-Fussball bessere Spieler haben."