
Im Rahmen der Serie über Entwicklungsprogramme im Jugendfussball richtet FIFA.com seinen Fokus diesmal auf Afrika. Denn dort entstehen nicht nur immer mehr Fussballinternate und Ausbildungszentren für junge Spielerinnen und Spieler, auch der Schutz von Minderjährigen rückt zunehmend in den Mittelpunkt, damit sich Talente ungestört und ohne Druck entwickeln können.
Ein echtes Sprungbrett
In Marokko beispielsweise zeichnet mit Nasser Larguet ein renommierter Talentförderer für die Jugendarbeit verantwortlich, der schon vielen jungen Spielern in Afrika und Frankreich zum Durchbruch verholfen hat. Ergebnis: Marokkos Nachwuchs etabliert sich gerade auf höchstem Niveau.
Dem Leiter der Akademie Mohamed VI. steht nach eigener Aussage eine Infrastruktur zur Verfügung, die "manchmal besser ist als die in Frankreich". Er verweist auf die Erfolge der U-15-, U-17- und U-19-Auswahlteams, bei denen Marokko eine führende Rolle spielt.
60 Talente aus dem ganzen Land wurden in der Akademie seit 2009 zu Stammspielern der U-17- und U-20-Mannschaften ausgebildet. "Konkrete Ergebnisse dieser Arbeit wird man aber erst beim CAF Afrikanischen Nationen-Pokal der Junioren 2013 hier in Marokko sehen", sagt Larguet.
Über 30 Anrufe bekommt er nach eigenem Bekunden pro Tag von Familien, die ihre Kinder bei der Akademie anmelden wollen. Schließlich rekrutieren die Vereine der ersten marokkanischen Liga bevorzugt aus der Akademie und sie ist ein Sprungbrett vor allem für Kinder aus benachteiligten Vierteln.
Talente im Land halten
Leistungszentren gibt es auch in anderen Ländern Nordafrikas und südlich der Sahara. Der algerische Verband etwa bekommt staatliche Mittel, mit denen er Profitrainer im Nachwuchsbereich der Vereine unterstützt.
Tunesien und Ägypten haben vor etwa zehn Jahren mit der Nachwuchs- und Leistungsförderung begonnen und sind dadurch heute in der Lage, die besten Talente im Land zu halten. Auf diese Weise konnte ein Klub wie Espérance de Tunis im Jahr 2011 in der CAF Champions League triumphieren und Ägypten als erste Nation überhaupt von 2006 bis 2010 drei Mal in Folge den Afrika-Pokal gewinnen.
In Kamerun gibt es die Kadji Sport Academie, aus der so klangvolle Namen wie Samuel Eto'o, Stéphane Mbia und Nicolas N'Koulou hervorgegangen sind. Ghana wurde Anfang des Jahrtausends vom niederländischen Renommierklub Feyenoord Rotterdam angesprochen. Heraus kam die Feyenoord Fetteh Football Academy in Accra, die inzwischen unzähligen Familien einen Ausweg aus der Armut geboten hat.
In Südafrika schickt sich die junge Generation der Bafana Bafana an, den Staffelstab von 2010 aufzunehmen. Die beiden Franzosen Bernard Lama und Patrick Vieira sowie der Beniner Jimmy Adjovi-Boco hatten ihr Projekt mit dem Namen Diambars zunächst im Senegal entwickelt und es dann im Januar 2010 gewissermaßen nach Johannesburg exportiert.
Diambars sucht ganz gezielt in sozial schwachen Gegenden nach Talenten. Die Académie de Sol Beni, eine von Jean-Marc Guillou gegründete und inzwischen als Marke (JMG Football) eingetragene Fussballschule in Abidjan, wiederum vereint Fussballinternate in Madagaskar und Vietnam.
"Wichtige Elemente"
All das sind Faktoren, die den Aufstieg der zahlreichen afrikanischen Talente und den Erfolg afrikanischer Mannschaften im Nachwuchsbereich erklären.
"Weitere wichtige Elemente sind die Veranstaltung professioneller Nachwuchsturniere unter Wettkampfbedingungen, die Trainerausbildung, die medizinische Betreuung schon im jungen Alter, die Modernisierung der Sportausrüstung, der Bau kleinerer Stadien. Das alles nützt den lokalen Meisterschaften und macht die Ligen attraktiver", meint Johan Moreau von der Beraterfirma Kurt Salmon, die seit 2003 an der Euromed Management die wirtschaftliche Entwicklung des Fussballs erforscht. "Dann gehen die besten Nachwuchskräfte auch nicht mehr so schnell ins Ausland."
Gegen Betrügereien und Korruption
Der ehemalige kamerunische Nationalspieler Patrick Mboma hat Afrika selbst zwar schon in jungen Jahren verlassen, ist aber stets ein engagierter Botschafter des Kontinents geblieben. "Afrika verfügt immer noch über eine Fülle junger Talente", sagt der 56-malige Nationalspieler und Afrikas Fussballer des Jahres 2000.
"In Kamerun hat das zu Beginn des Jahrtausends zwischenzeitlich mal zu fetten Jahren mit Spielern wie Rigobert Song, Idriss Kameni und dem jungen Eto'o geführt. Aber es war nicht von Dauer. Warum? Weil es auf lokaler Ebene an Strukturen und Organisation gefehlt hat."
Die Lösung? "Jede Schule, jedes Gymnasium, jede Uni müsste eigene Fussballplätze haben und zusammen mit der FIFA und anderen Einrichtungen gegen Betrügereien und Korruption kämpfen", findet der ehemalige Stürmer.
Die FIFA setzt sich bereits nachdrücklich für eine vernünftige Entwicklung junger afrikanischer Fussballer und insbesondere den Schutz Minderjähriger ein. Gegen den Exodus junger Fussballer in Richtung ausländischer Ausbildungszentren setzt die FIFA das Transfersystem TMS, das illegale Abwerbungen verhindern soll.
Der nächste Schritt
Die juristischen Rahmenbedingungen für Transfers junger Spielerinnen und Spieler unter 18 Jahren fallen in die Verantwortung der FIFA - ein wichtiger Schritt nach vorn für den Nachwuchsfussball.
Zudem wurde bereits eine Ausbildungsentschädigung für den ausbildenden Verein eingeführt. Deren Zahlung freilich hängt von einer ordnungsgemäßen Registrierung und Erfassung der Spieler und Spielerinnen zugunsten des Ausbildungsvereins ab.
Das System befindet sich in Afrika in der Finalisierungsphase und soll letztlich auf die ganze Welt ausgedehnt werden. Damit wäre es möglich, jeden Spieler ab dem Eintritt in seinen ersten Verein zu registrieren und seine Klubwechsel danach lückenlos nachzuverfolgen. "Man muss zwielichtigen Spielervermittlern das Handwerk legen, die Kinder erst mit falschen Vertragsversprechen locken und sie dann vielleicht irgendwo in Europa auf der Straße stehen lassen."
Für den ehemaligen ghanaischen Bundesliga-Profi Anthony Baffoe wäre das einer der Vorteile dieses Systems. "Denn diese Kinder werden ins Ausland verfrachtet, obwohl sie die Verträge, die sie unterschrieben haben, kaum lesen können, zumal diese oft in einer Sprache verfasst sind, die sie nicht verstehen. Es gibt zu viele Leute, die die Unschuld und Motivation junger Spielerinnen und Spieler ausnutzen."



