Dvorak: Nahrungsergänzungsmittel bergen Gefahren
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Professor Jiri Dvorak, der medizinische Leiter der FIFA, äußerte sich in einem Interview mit FIFA.com über Mythen, Fakten und Gefahren im Zusammenhang mit Nahrungsergänzungsmitteln.

Können Sie uns sagen, wie weit neuen Studien zufolge die Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln unter Fussballspielern verbreitet ist?
Auf Grundlage der Daten, die wir seit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998™ gesammelt haben, ergibt sich das sehr überraschende Bild, dass auf Weltmeisterschaftsniveau - und da haben wir sehr belastbare Daten von 2002, 2006 und 2010 - rund 35 Prozent aller Spieler regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Noch überraschender ist allerdings, dass in den Altersklassen U-17 und U-20 bei Weltmeisterschaften sogar fast 40 Prozent aller Spieler Nahrungsergänzungsmittel nehmen.

Warum nehmen so viele Spieler Nahrungsergänzungsmittel? Glauben sie an eine leistungssteigernde Wirkung?
Ja, zweifellos. Die Vermarktungsstrategien der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln beeinflussen das Konsumverhalten von Fussballspielern und Sportlern im Allgemeinen. Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass rund 60 Prozent der U-16-Athleten in den USA täglich Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Sie alle glauben, dass dies ihre Leistungen steigern kann. Dabei basiert dies definitiv nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen oder der Literatur, die sogar das Gegenteil sagen, nämlich das keines der Nahrungsergänzungsmittel, abgesehen von ganz bestimmten medizinischen Situationen, die Leistung steigert.

Die gleichen wissenschaftlichen Studien zeigen auch, dass sich 70 Prozent der jungen Athleten nicht von einem Ernährungsspezialisten beraten lassen. Sie nehmen die Mittel einfach und glauben, dass dies die Leistung steigert. Für mich als Sportmediziner ist das nicht nur überraschend, sondern sogar alarmierend!

Wissenschaftler und Ernährungsspezialisten stimmen darin überein, dass eine gut ausgewogene Ernährung dem Körper alle benötigten Nährstoffe in den für Höchstleistungen benötigten Mengen zuführt.

Welche medizinischen Risiken bergen Nahrungsergänzungsmittel?
In den einzelnen Ländern müssen die Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln deklariert werden, damit eine Zulassung durch die zuständigen Behörden erfolgen kann, in den USA beispielsweise durch die Food and Drug Administration (FDA). Allerdings unterliegen die meisten Nahrungsergänzungsmittel keiner Qualitätskontrolle, so dass die Inhaltsstoffe nicht vollständig offengelegt werden müssen.

Es ist bekannt und erwiesen, dass zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel durch verbotene Substanzen verunreinigt sind, beispielsweise durch anabole Steroide und andere Stoffe. Dies ist natürlich sehr riskant, denn wenn eine Sportlerin oder ein Sportler solch ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel regelmäßig zu sich nimmt, könnte dies bei einem Dopingtest zu einem positives Testergebnis führen. Daher hat die FIFA eine ernste Warnung an Fussballer ausgesprochen, keinesfalls Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen, die nicht von den zuständigen nationalen Behörden zugelassen sind.

Dies ist ein überaus kontroverser Themenbereich. Wir würden es sehr begrüßen, wenn die zuständigen Behörden in den einzelnen Ländern Qualitätskontrollen für Nahrungsergänzungsmittel einführen würden, damit Verunreinigungen bei diesen Mitteln verhindert werden können. Leider wurde allerdings auch darüber berichtet, dass in einigen Ländern (beispielsweise Mexiko und China) auch in Fleischprodukten anabole Steroide enthalten waren, was sich auch bei Dopingkontrollen im Urin feststellen ließ.