Es ist ein kühler Septemberabend. Das Bürogebäude in einer Seitenstraße eines unscheinbaren Wohnquartiers liegt fast komplett im Dunkeln. Nur noch in einem Zimmer im zweiten Stock brennt Licht. Darin starren drei Männer konzentriert auf Fernsehgeräte und Computerbildschirme, über die endlose Reihen von Wettquoten flimmern. Auf den Schreibtischen neben ihnen liegen Mobiltelefone für Anrufe von Informanten, die in diesem Moment auf der ganzen Welt in Stadien oder ebenfalls vor Bildschirmen sitzen. Sie alle halten Ausschau nach ungewöhnlichen Ereignissen oder auffälligen Schwankungen im Wettverhalten, die zum Gewinn oder zum Verlust großer Summen führen können.
Doch der erste Eindruck täuscht: Die drei Männer, die gerade die aktuelle Runde der Qualifikationsspiele zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ verfolgen, haben keinen einzigen Euro auf den Ausgang der Partien gesetzt. Stattdessen beobachten sie die Spiele - und insbesondere das damit verbundene Wettverhalten - auf Anzeichen von Manipulationen, um den Weltfussballverband von verdächtigen Vorfällen in Kenntnis zu setzen.
Das bescheidene Büro in Zürich ist die Zentrale der Early Warning System GmbH (EWS). Das Unternehmen zur Überwachung von Sportwetten, das auf ein Pilotprojekt bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ in Deutschland zurückgeht, ist seit der offiziellen Firmengründung im Juli 2007 als Tochtergesellschaft der FIFA tätig. In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat die EWS Kontakte zu über 400 Wettanbietern geknüpft, die sich vertraglich dazu verpflichtet haben, unregelmäßige Wettmuster umgehend zu melden. Die Dienstleistungen des Unternehmens stehen auch anderen Mitgliedern der Fussballfamilie zur Verfügung - zum Beispiel zur Überwachung nationaler Spielbetriebe von FIFA-Mitgliedsverbänden oder kontinentaler Klubwettbewerbe wie der AFC Champions League - und sind über den Fussball hinaus gefragt. 2008 wurde die EWS vom Internationalen Olympischen Komitee beauftragt, die Spiele in Peking auf verdächtige Wettaktivitäten zu beobachten.
An diesem Tag im September sind die Mitarbeiter der EWS seit dem frühen Nachmittag auf ihrem Posten und wenden sich nach einer Handvoll afrikanischer Qualifikationsspiele nun einem vollgepackten Spieltag in Europa zu. Schon in der ersten Viertelstunde ist einiges los: Es gibt Strafstöße für England und Deutschland sowie eine rote Karte für den Torhüter der Franzosen, die im Spitzenspiel der Gruppe 7 auf Serbien treffen. Wie bei solchen Ereignissen üblich, werden nach den Toren und dem Platzverweis vorübergehend keine neuen Wetten für das jeweilige Spiel angenommen, bis die Buchmacher die Quoten neu berechnet haben.
Neben dem Überblick über die Quoten der verschiedenen Wetten, die für jede Begegnung angeboten werden, enthält die EWS-Software eine Benachrichtigungsfunktion, mit der die angeschlossenen Buchmacher ungewöhnliche Wettmuster oder besonders große Einsätze auf unwahrscheinliche Ergebnisse oder Ereignisse sofort melden können. Angezeigt werden solche Fälle je nach Schwere des Verdachts mit einer gelben oder roten Karte. Heute Abend geht jedoch keine einzige derartige Meldung ein.
Für Wolfgang Feldner, den Strategiechef der EWS, der sich gerade auf die Nachtschicht mit Qualifikationsspielen in Südamerika vorbereitet, ist das keine Überraschung: "Es gibt so viele Mannschaften, die noch Aussichten auf einen Endrundenplatz haben, und - wenigstens in Europa - so viele Spieler mit sehr hohen Gehältern, dass man sich kaum vorstellen kann, dass viele von ihnen bereit wären, die WM-Chancen ihres Teams zu gefährden."
Da zudem die Spiele der großen Fussballnationen stark im Fokus der Öffentlichkeit stehen und Manipulationen dadurch massiv erschwert werden, konzentrieren sich Feldner und sein Team vor allem auf die Partien der "Kleinen", bei denen weniger auf dem Spiel steht - zumindest in sportlicher Hinsicht.
"Es gab heute schon ein paar unerwartete Resultate, wie etwa den Sieg der Färöer gegen Litauen", sagt Feldner und zeigt auf seinen Bildschirm. "Aber aus den uns vorliegenden Informationen lässt sich schließen, dass auf dieses Spiel insgesamt relativ wenig Geld gesetzt wurde. Damit haben wir keine Hinweise darauf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte."
Neue Wettarten, neue Gefahren
Durch das stetig zunehmende Interesse an Live-Wetten - im Gegensatz zu den herkömmlichen Wetten, bei denen die Tipps vor dem Anpfiff abgegeben werden - und die immer größere Vielfalt der angebotenen Wettarten sind heutzutage nicht mehr nur die Endergebnisse der Spiele von Belang. Zwar bevorzugen die europäischen Wetter traditionell das simple Setzen auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage; daneben werden aber auch andere Wettarten immer beliebter, von denen manche mehr Potenzial für Manipulationsversuche bieten.
Ein besonderes Augenmerk haben die EWS-Experten auf die sogenannten Handicap-Wetten, bei denen das schwächere Team eine fiktive Vorgabe von mehreren, einem oder auch nur einem halben Tor erhält, sowie auf "Über/Unter"-Wetten, bei denen vorausgesagt werden muss, ob die Gesamtzahl der von beiden Teams in einer Partie erzielten Tore über oder unter einem bestimmten Wert liegen wird, der vom Buchmacher oder - im Fall von Wettbörsen - von anderen Wettern vorgegeben wurde.
"Diese Arten von Wetten führen zu mehr Einsätzen bei Spielen, die ansonsten bei den Tippern auf wenig Interesse stossen würden", erklärt Feldner. "Heute gewann beispielsweise die Tschechische Republik gegen San Marino mit 7:0. Zwar stellten wir dabei keine Auffälligkeiten fest, weder auf dem Platz noch auf dem Wettmarkt, aber im Allgemeinen sind es genau solche Paarungen, die für Wettbetrüger attraktiv sein können. Die klassische Einzelwette ist dabei weniger interessant, weil es sehr schwierig ist, durch Manipulationen einem Team zum Sieg zu verhelfen oder gar ein exaktes Ergebnis herbeizuführen. Wenn es Ihnen aber gelingt, ein paar Stürmer zu bestechen, denen Sie sagen, dass ihre Mannschaft ruhig gewinnen darf, aber einfach etwas knapper als erwartet, könnten Sie damit eher durchkommen - auf jeden Fall erregt ein Spiel, das statt mit 5:0 nur mit 2:0 oder 3:0 endet, weniger Aufsehen als ein Außenseitersieg."
Doch genau solche Abweichungen spürt die EWS auf und nimmt sie mithilfe ihrer Kontakte inner- und außerhalb der Wettindustrie genauer unter die Lupe. Erhärtet sich dabei der Verdacht auf eine Spielmanipulation, leitet sie die entsprechenden Indizien an die FIFA weiter. Auf der höchsten Ebene des Weltfussballs war erfreulicherweise noch kein derartiger Fall zu verzeichnen, weder bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ noch bei den Qualifikationsspielen zur WM 2010.
Ein langer Weg
"Wir können mit Bestimmtheit sagen, dass im Umfeld dieser Länderspiele keine Auffälligkeiten im Wettverhalten festzustellen waren", bestätigt Detlev Zenglein, Leiter Wettbewerbsanalyse bei der EWS, gegenüber FIFA World. "Aber natürlich ist damit nicht garantiert, dass keine illegalen Aktivitäten stattgefunden haben. Im Vergleich zum Kampf gegen andere Arten von Betrug im Sport, wie zum Beispiel gegen Doping, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Bildlich gesprochen sind wir bei einem 100-Meter-Lauf gerade erst aus den Startblöcken gekommen."
Wie bei jeder Betrugsbekämpfung braucht es auch in diesem Bereich immer raffiniertere Überwachungsmethoden, um den immer gewiefteren Betrügern auf die Schliche zu kommen. Entsprechend hat die EWS bereits nächste Maßnahmen geplant und wird die siebenmonatige Pause zwischen dem Abschluss der WM-Qualifikation im November und dem Beginn der Endrunde in Südafrika im kommenden Juni nutzen, um ihre Analyseprogramme weiter zu verbessern. Zudem hofft das Unternehmen, in Zukunft mehr Informationen von den Wettanbietern zu erhalten. Idealerweise würden sich diese in Form von Vereinbarungen dazu bereit erklären, die eingehenden Einsätze bei jedem einzelnen Spiel in Echtzeit offenzulegen.
"Das wäre für uns ein wichtiger Schritt", betont Zenglein. "Zurzeit können wir das Wettvolumen nur auf der Grundlage der Aktivitäten schätzen, die wir auf Wettbörsen beobachten. Offensichtlich macht es aber beispielsweise einen großen Unterschied, ob jemand eine halbe Million Dollar auf einmal setzt oder 500.000 Tipper je einen Dollar riskieren. Die Buchmacher sind traditionell sehr zurückhaltend, wenn es um die Herausgabe von Umsatzzahlen geht; viele von ihnen haben aber mittlerweile erkannt, dass die Zusammenarbeit mit uns auch für sie Vorteile hat, und sind zu entsprechenden Verhandlungen bereit."
Zu diesem Zweck wird zurzeit ein Konzept ausgearbeitet, das die Standards für die Kooperation zwischen den Wettanbietern und der EWS definiert. Längerfristig würden die Überwachungsexperten die Einführung eines Verhaltenskodex begrüssen, der gewährleistet, dass alle Akteure der Wettbranche nach denselben Regeln spielen.
"Ein weltweit geltender Kodex für Sportwetten, zu dessen Einhaltung sich alle Anbieter verpflichten müssten, wäre eine interessante und vielversprechende Maßnahme", findet auch Zenglein. "Eine derartige Regelung würde zu einer klareren Rollenverteilung in der Beziehung zwischen den Sportverbänden und der Wettindustrie beitragen und sicherstellen, dass in diesem Bereich, der in Bezug auf die Wahrung der Integrität des Fussballs von größter Bedeutung ist, alle Verbände und Konföderationen über eine einheitliche Rechtsgrundlage verfügen."
Dieser Artikel entstammt der Oktober-Ausgabe von FIFA World, dem neuen FIFA-Magazin. Sie können jede Ausgabe von FIFA World lesen, indem Sie auf den Link rechts klicken.
