Schiedsrichter sind enormen physischen und mentalen Belastungen ausgesetzt. Ihre Gesundheit muss daher ebenso im Fokus stehen wie das Wohl der Spieler - vor allem wenn man bedenkt, dass ein Schiedsrichter gut und gerne bis zu 20 Jahre älter sein kann als die Spieler auf dem Platz, seine Tätigkeit als Spielleiter nur selten als Hauptberuf ausübt und während des Spiels nicht ausgewechselt werden kann. Er muss daher ebenso fit, wenn nicht gar fitter sein als die Spieler. Auch mental muss er überaus leistungsfähig sein, da er über 90 Minuten dem Druck der Spieler, Trainer und Zuschauer standhalten muss.
Vor diesem Hintergrund hat das FIFA-Zentrum für medizinische Auswertung und Forschung (F-MARC) die Verletzungen und Beschwerden von Schiedsrichtern eingehend untersucht, jüngst insbesondere das Ausmaß und die Art von Verletzungen bei Amateurschiedsrichtern in der Schweiz.
Für Mario Bizzini, Physiotherapeut am medizinischen FIFA-Zentrum an der Schulthess Klinik in Zürich und Mitarbeiter von F-MARC, sind die Schiedsrichter eine Herzensangelegenheit: "In den letzten zehn Jahren haben sich mehrere Studien mit der Leistung und dem Training von Schiedsrichtern befasst. Über Verletzungen und Muskel-Skelett-Beschwerden bei Unparteiischen war dahingegen nur wenig bekannt."
In einer früheren Studie konzentrierte sich F-MARC auf das Ausmaß und die Art von Verletzungen bei Spitzenschiedsrichtern in der Schweiz. Doch die 71 Schiedsrichter, die in den obersten beiden Spielklassen tätig sind, machen einen verschwindend kleinen Prozentsatz der in der Schweiz registrierten Unparteiischen aus. Aus diesem Grund führte F-MARC bei den 489 Schiedsrichtern der Amateurligen eine ähnliche Studie durch.
"Wir dürfen nicht vergessen, dass die Schiedsrichter, die bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ im Einsatz stehen, hauptsächlich Profis sind und nur 0,02 Prozent aller bei den FIFA-Mitgliedsverbänden registrierten Unparteiischen ausmachen", betont Bizzini. "2006 zählte die FIFA weltweit über 840.000 registrierte Schiedsrichter und Schiedsrichterassistenten. Wir müssen uns auch um diese Amateurschiedsrichter kümmern, denn aus vergleichbaren Studien über Spieler wissen wir, dass Verletzungen je nach Spielniveau unterschiedlich häufig auftreten."
Die Studie zeigte, dass sich Spitzenschiedsrichter nur 39 Prozent der Verletzungen im Spiel zuzogen. Bei den Amateurschiedsrichtern waren es dahingegen rund 80 Prozent. Fast die Hälfte (44 Prozent) der untersuchten Spitzenschiedsrichter hatten sich in ihrer Karriere mindestens schon einmal verletzt, bei den Amateuren nur 23 Prozent. Ebenfalls augenfällig war der Unterschied bei den Muskel-Skelett-Beschwerden: Während 86 Prozent der Spitzenschiedsrichter als direkte Folge ihrer Schiedsrichtertätigkeit über solche Beschwerden klagten, machte nur ein Viertel der Amateure ihre Spieleinsätze für ein solches Leiden verantwortlich.
Eine Zerrung der hinteren Oberschenkelmuskulatur und verstauchte Knöchel waren sowohl bei den Spitzen- als auch bei den Amateurschiedsrichtern die häufigsten Verletzungen, die sich übrigens insofern wesentlich von denjenigen der Spieler unterschieden, als sie kaum je durch Körperkontakt erfolgten.
