Ein Jahr nach dem außerordentlichen FIFA-Kongress 2016 sprach FIFA-Präsident Gianni Infantino über die praktischen Aspekte der umgesetzten Reformen und die neue Struktur der Organisation.

Am 26. Februar 2016 verabschiedete der außerordentliche FIFA-Kongress inmitten der tiefsten Krise der Organisation neue Statuten und wählte Sie zum Präsidenten. Wie sehr hat sich die FIFA seitdem verändert?
Die Reformen sind ein unbestreitbares Element der Veränderungen, und zwar eines, das nicht davon abhängt, wer mit der Leitung der Organisation betraut ist. Sie garantieren, dass die FIFA transparent und nach den Grundsätzen von Good Governance geleitet wird. Das ist die eine Seite. Als ich das Amt übernommen und versprochen habe, den Fussball zurück zur FIFA und die FIFA zurück zum Fussball zu bringen, war dies keineswegs nur ein Motto oder Wortspiel. Es ist eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie die FIFA zu führen ist.

Ich freue mich vor allem darüber, dass diese Ideen, Absichten und Regulierungen in den vergangenen zwölf Monaten in die Praxis umgesetzt und in die alltäglichen Abläufe der Fussballführung integriert wurden. Die Arbeit der FIFA streift viele Lebens- und Wissensbereiche, doch alleiniger Nutznießer muss stets der Fussball sein. Das wurde in der Vergangenheit außer Acht gelassen, denke ich. Die neue Führung hat unter den neuen Statuten im ersten Jahr hoffentlich damit begonnen, dies zu ändern.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?
Gleichwohl bleibt noch eine ganze Menge zu tun. Das ist erst der Anfang. Wir haben zunächst einmal die Rahmenbedingungen geschaffen: nicht meine persönlichen, sondern solche, die meiner festen Überzeugung nach so solide sind, dass die FIFA auf Jahre hinaus damit arbeiten kann. Nach den Ereignissen der Vergangenheit konnten wir es uns nicht leisten, dass eine neue Führung viele Dinge kurzsichtig übernimmt. Die Institution benötigte eine solide Planung. Mit dieser Prämisse im Hinterkopf haben wir das Konzept "FIFA 2.0: Vision für die Zukunft" entwickelt. Dabei handelt es sich um eine konkrete Strategie mit messbaren Zielen für die FIFA als Organisation.

Als Präsident der FIFA ist es meine Aufgabe, einen Weg nach vorn aufzuzeigen. Dem Generalsekretariat obliegt es, alles Erforderliche zu unternehmen, um die strategischen Entscheidungen umzusetzen, die ich mit Unterstützung des FIFA-Rates treffe. Nehmen Sie zum Beispiel die Fussballförderung: Auf dem FIFA-Kongress im vergangenen Mai habe ich einen Masterplan vorgelegt, um die Art der Finanzierung unserer Mitgliedsverbände zu verändern.

Das war eine konkrete Maßnahme von enormem Ausmaß, die darauf abzielt, das Hauptaugenmerk der FIFA auf das zu legen, was sie am besten kann und können muss, nämlich  auf die Fussballförderung. Jetzt verwendet die Administration das FIFA Forward-Entwicklungsprogramm als Grundlage der Förderungs- und Entwicklungsarbeit unserer Mitgliedsverbände. Die Investitionen sind weitaus größer und effektiver, bei einer sehr viel strengeren Kontrolle der Mittelverwendung. Das FIFA Forward-Entwicklungsprogramm ist ein umfassendes Beispiel für meine Hoffnung, auch weiterhin innovative Vorschläge unterbreiten zu können. Wir handeln gemäß den Prinzipien der Reformen, beispielsweise Transparenz und Gewaltenteilung; wir konzentrieren uns voll und ganz auf den Fussball und wir versuchen, die größtmögliche Reichweite zu erzielen. Das ist das Ziel.

Wo wir gerade von einer größeren Reichweite sprechen: Welche treibende Kraft steht hinter der Erweiterung der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™?
Die FIFA lenkt den Fussball auf der ganzen Welt. Ihr Hauptanliegen muss es sein, den Fussball zu fördern. Schon jetzt ist der Fussball überwältigend und großartig, doch wir wollen sein ganzes Potenzial überall und auf allen Ebenen freisetzen. Dies bedeutet mehr Teilhabe. Darum geht es bei den Fussballgipfeln der FIFA-Exekutive, und darum geht es auch bei der Weltmeisterschaft mit 48 Teilnehmern. Schon jetzt bringen immer mehr Länder Spitzentalente hervor und organisieren den Fussball auf hohem Niveau.

Wenn die Chancen steigen, beim größten Fussballturnier der Welt dabei zu sein, wird die Entwicklung rund um den Globus tendenziell noch steiler nach oben gehen. Wird die FIFA durch die Erweiterung der WM mehr Geld einnehmen? Ja, das wird sie. Da sich die FIFA aber dazu verpflichtet hat, die Einnahmen wieder in den Fussball zu investieren, kann ich nicht erkennen, was daran nicht gut sein soll. Erste vorläufige Schätzungen gehen bei dem neuen Format von Mehreinnahmen in Höhe von 640 Millionen USD aus. Das reicht, um mehr als 1.100 Kunstrasenplätze zu bauen. Oder 1.300 Trainingszentren. Oder um Heim- und Auswärtstrikots für 64.000 Mannschaften zu kaufen. Dorthin werden die Mehreinnahmen fließen. Der Fussball wird dadurch in noch mehr Ländern der Welt größer und besser strukturiert. Und genau das sollte nach meinem Verständnis das Ziel der FIFA sein.